Zierde der "Degenerierten und Verbrecher"
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 04.02.2012 - 02:30Hamburg In den 1880er Jahren war Emma de Burgh eine viel bestaunte Attraktion. Auf ihre Oberschenkel hatte die dicke Dame sich patriotische amerikanische und britische Motive stechen lassen. Der eigentliche Hingucker aber befand sich auf ihrem Rücken: "Das letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci als Tätowierung. Was auf den Jahrmärkten des 19. Jahrhunderts bestaunt wurde, verdammte die aufziehende Moderne des 20. Jahrhunderts: "Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder ein Degenerierter", urteilte der Architektur-Theoretiker Adolf Loos 1908 in seiner Streitschrift "Ornament und Verbrechen", und "die Tätowierten, die nicht in Haft sind, sind latente Verbrecher oder degenerierte Aristokraten".
Für Loos' Zeit dürfte die Beobachtung sogar zugetroffen haben. Von der Nazi-Zeit bis in die 80er Jahre blieben Tätowierungen in Deutschland ein reines Randgruppen-Phänomen. Als Herbert Hoffmann (1919–2010), lange der einzige und bis heute berühmteste Tätowierer Deutschlands, sich 1960 mit einer "Tätowierstube" in Düsseldorf niederlassen wollte, verweigerte die Stadt ihm eine Gewerbeerlaubnis; er zog nach St. Pauli. Dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Tätowierungen – und vor allem ihre Zahl – seit den 90er Jahren massiv steigt, macht Soziologen eher misstrauisch. Besonders tätowierte Jugendliche werden auch in jüngeren Studien zum Thema als potenzielle psychopathologische Patienten betrachtet, von denen Verhaltensauffälligkeiten aller Art zu erwarten sind. Oder wie es schon bei Loos hieß: "Wenn ein Tätowierter in Freiheit stirbt, so ist er eben einige Jahre, bevor er einen Mord verübt hat, gestorben."
Für den Kulturwissenschaftler Werner Faulstich sind Tätowierungen und Piercings ein typisches Merkmal der 90er Jahre: "Das war eine Form der Selbstinszenierung, die die Professorentochter wie das arbeitslose Mädchen genutzt hat." Verteidiger der klassischen Moderne sehen in der massenhaften Umgestaltung des eigenen Körpers eine rückschrittliche Tendenz: "In der Postmoderne wurde das Projekt des Ichs zum Projekt des Körpers; die ethisch-politische Innerlichkeit der Moderne hat sich zu einer medial-ästhetischen Oberfläche verflacht", so die Kunst-Philosophin Madalina Diaconu, "die von Kämpfen gezeichneten Karten der Weltgeschichte werden zu persönlichen Geschichten, die auf die Haut wie auf eine Leinwand der Selbstinszenierung projiziert werden."
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