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Analyse: Wie die Raumfahrt Europa neuen Schub gibt

zuletzt aktualisiert: 28.12.2012

gastbeitrag Reinhold Ewald, ESA-Astronaut

Wenn ich die vielfältigen Herausforderungen sehe, vor denen unser Kontinent steht, dann brauchen die zähen Verhandlungen um die Euro- und Wirtschaftskrise und die europäische Solidarität dringend einen optimistischen Gegenpol.

Europa funktioniert ja schon – und erfolgreiche europäische Projekte sind am besten geeignet, um bei den Leuten auf der Straße und auch bei den Entscheidungsträgern dem Image-Problem zu begegnen und die skeptische Stimmung aufzuhellen. Die Raumfahrt ist so ein Projekt: Seit 1975 bringt die Europäische Weltraumbehörde (ESA) mit ihren High-Tech-Anwendungen eine Reihe Erfolgsgeschichten in europäischer Teamarbeit hervor. Ein guter Grund, daraus Mut für Europa zu schöpfen.

Ich tue es jedenfalls. Die Raumfahrt und ihre Bodenanwendungen erhalten und schaffen hochwertige Arbeitsplätze für Ingenieure, Wissenschaftler, Geschäftsleute und viele andere. Ich persönlich erfahre Europa täglich beim Training europäischer Astronauten, die dann zusammen mit ihren Kollegen zur Internationalen Raumstation ISS fliegen und dort nur unter Schwerelosigkeit mögliche Experimente in "unserem", dem in Europa entwickelten Columbus-Forschungslabor, durchführen.

Die hochwertigen Materialien und technischen Lösungen aus solchen Projekten bringen zudem unerwartete "Spin-Offs" auf der Erde hervor: Alles von der Idee bis zur Ausführung ist "Made from Space in Europe" – nicht zuletzt auch die Ausrüstung des Stratosphären-Springers Felix Baumgartner.

Mit den beiden Trägerraketen Ariane 5 und Vega sowie der adaptierten russischen Sojus, die alle drei vom ESA-Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana starten, hat Europa seinen eigenen Zugang zum Weltraum und sich in bestimmten Bereichen sogar die Marktführerschaft gesichert. Aus den Programmen der ESA gehen satellitengestützte Breitbandkommunikation, Direkt-TV, Erd- und Klimabeobachtungssysteme sowie präzise Wettervorhersagen hervor, die die Hochtechnologie-Industrie in Europa baut und betreibt.

Von verschiedenen Seiten kommend, haben die ESA und die EU gemeinsam entschieden, zwei für Europa eminent wichtige Programme zu starten: Galileo für die globale Navigation via Satellit und die GMES genannten Dienste für eine globale Umwelt- und Sicherheitsüberwachung. Eine souveräne europäische Außen- und Sicherheitspolitik kann sich auf solch neue, leistungsstarke "Augen und Ohren im Orbit" verlassen und sich mit ihnen entwickeln. Mit den etwa vier Milliarden Euro, die die Europäer pro Jahr in Raumfahrtprojekte investieren – zehn Euro pro Person – hat die ESA dazu beigetragen, dass Europas Industrie und Wissenschaftler bei kommerziellen Trägerraketen, Satellitenkommunikation, Planetenerforschung und Erdbeobachtung auf Weltniveau mitspielen. Nicht nur ergeben diese zehn Euro bis zu 80 Euro Ertrag am Boden, auch das damit verbundene Know-How rüstet uns bestens für die Zukunft. Bei Raumfahrtprogrammen geht es ja auch um Ansporn zur Wissenserweiterung, um Inspiration junger Studenten und Berufsanfänger in technischen Berufen.

Die Europäer können auf die konkreten Ergebnisse der Zusammenarbeit bei motivierenden, zukunftsorientierten Raumfahrtprojekten stolz zu sein. Gerne weise ich auf dieses Europa hin, das jede Anstrengung wert ist und sich auch im politischen Fortschritt zur Bewältigung von Krisen bewähren kann.

Dr. Reinhold Ewald, geboren in Mönchengladbach, arbeitete als europäischer Astronaut 1997 für 18 Tage in der russischen Weltraumstation Mir und ist ehemaliger Leiter des Columbus-Kontrollzentrums.

Quelle: RP
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