Was Kleinkinder brauchen
zuletzt aktualisiert: 09.06.2009 - 02:30Interview Lienhard Valentin über Eltern, Krippen und Chinesisch-Kurse
Herr Valentin, wie beurteilen Sie die derzeitige Debatte um die Betreuung von Kindern unter drei Jahren?
Valentin Ich kritisiere, dass wir nicht fragen, was Kinder brauchen, sondern was die Wirtschaft braucht. Wenn möglich, würde wohl jedes Kind in den ersten Jahren die Eltern, vor allem die Mutter vorziehen. Allerdings sind Mütter heute vielfältigen Anforderungen ausgesetzt, und es fehlt ihnen an Unterstützung wie früher in der Großfamilie. Dann kann eine ergänzende Betreuung durchaus sinnvoll sein.
Und das kann die Krippe oder Kita sein?
Valentin Ja, wenn sie den Entwicklungsbedürfnissen des Kindes genügen. Wesentlich ist, dass Kinder sich "sicher und gefühlt" fühlen, wie es der Bindungs- und Gehirnforscher Daniel Siegel ausdrückt. Eine bloße Kinderaufbewahrung kann verheerende Folgen haben.
Wie ist das Niveau der Ausbildung für die U3-Betreuung derzeit?
Valentin Zwar gibt es neue Studiengänge zur Kleinkindpädagogik. Aber nicht selten sieht die Realität so aus, dass man den Erzieherinnen drei Tage Weiterbildung aufbrummt und ihnen dann nach dem Motto "Nun mach mal" Säuglinge in den Kindergarten legt. Sie sind damit hoffnungslos überfordert.
Wie sähe eine optimale Betreuung aus?
Valentin Es sollten maximal vier bis fünf Säuglinge auf eine Betreuerin kommen. Bei Zweijährigen könnte eine Betreuerin sich um sechs bis acht Kinder kümmern. Die Gruppen sollten nicht zu altersgemischt sein. Wenn Ältere herumtollen, ist das für Säuglinge viel zu laut. Und auch eine Umgebung, die Kinder zum Forschen einlädt, sieht für Einjährige natürlich anders aus als für Dreijährige.
Zum Teil wird argumentiert, dass Kinder in Einrichtungen besser gefördert werden – Stichwort Bildung von Anfang an. Was ist von Chinesischunterricht in der Krippe zu halten?
Valentin Sehr wenig. Alle Forschungen zeigen deutlich, dass Unterricht im Kleinkindalter sogar schädlich ist. Durch intensive Förderung lassen sich zwar gewisse Dressurerfolge erzielen, die aber später ihren Tribut zollen. Der amerikanische Forscher David Elkind prägte in diesem Zusammenhang den Begriff "early ripe – early rot", also "früh gereift – früh verfault". Die menschliche Entwicklung geht vom Konkreten zum Abstrakten und vor Eingriffen in diesen Prozess kann ich nur warnen. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, einem Säugling einen Schweinebraten anzubieten, damit er möglichst früh lernt, den zu verdauen.
Wie lernen Kleinkinder am besten?
Valentin Wie die Gehirnforschung zeigt, haben sie vor allem die Grundbedürfnisse, verbunden zu sein und über sich hinaus zu wachsen. Wenn ein Kind sich sicher und gefühlt fühlt, wird es anfangen zu spielen, zu forschen und zu lernen.
Warum ist Sicherheit zentral?
Valentin Der Schalter für optimales Lernen sitzt im Gehirn in der Amygdala, dem Mandelkern im limbischen System. Der Mandelkern ist für die Angstregulation zuständig. Signalisiert er "alles in Ordnung", beginnt das Kind zu spielen und zu forschen. Meldet der Mandelkern jedoch Gefahr, schaltet das Gehirn auf Schutz, und das Kind zieht sich in sich selbst zurück, bis die Gefahr vorüber ist. Diese Sicherheit wird auch durch Erwachsene mit zu hohen Erwartungen gefährdet.
Wann profitieren Kinder von der Betreuung in der Kindergruppe?
Valentin Was ein Kind vor allem braucht, sind einfühlsame Erwachsene. Von denen lernt es Sozialverhalten. Es profitiert jedoch nur, wenn Erwachsene da sind, die Konflikte gut moderieren können und für eine sichere, einfühlsame Umgebung sorgen. Ansonsten lernen Kinder vielleicht nur, dass sich der Stärkste durchsetzt.
Silke Schnettler führte das Gespräch
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum



