Was in Münteferings Körper ablief
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 16.09.2009 - 02:30Das Erlebnis einer Flugzeug-Notlandung mit ungewissem Ausgang ist für jeden Menschen eine Extremsituation: Der Körper ist durch die Evolution so programmiert, dass das Stresshormon-System automatisch funktioniert und den Körper auf die Situation vorbereitet.
Stuttgart. Warum am Montag um 10.40 Uhr unter dem Himmel von Stuttgart das Fahrwerk der wenig später notlandenden Contact-Air-Maschine nur teilweise ausfuhr, wird in einigen Tagen geklärt sein. Was zeitgleich zum Landeanflug in den Passagieren ablief, wird nicht so leicht zu rekonstruieren sein; der menschliche Körper besitzt keine Black Box. Aber die 78 Passagiere dürfen ein Leben nach dem LH-Flug 288 führen, den sie dank ihres Piloten unbeschadet überstanden haben – und man wird sehen, ob bei ihnen diese Situation eine posttraumatische Störung hervorruft.
Es war das typische Szenario einer Extremsituation, in der jeder Einzelne an Bord bewusst oder unbewusst eine Coping-Strategie, also ein Bewältigungsprogramm, entwickelte. Wie die Berichte übereinstimmend sagen, saßen die einen vor Angst schlotternd im Sitz, andere beteten, wieder andere wirkten stocksteif; insgesamt soll es still an Bord gewesen sein. Auch hinterher waren die Reaktionen gemischt. SPD-Chef Franz Müntefering, der sich an Bord befand, weilt mitten im Wahlkampf und schien nicht willens, sich von einer Beinahe-Katastrophe beeindrucken zu lassen. Bilder aus der Nähe vermittelten jedoch glaubhaft den Eindruck einer gewissen Blässe in seinem Gesicht.
Was passierte physiologisch in Franz Müntefering und den anderen Passagieren? Wer eine solche Situation erlebt, die eine Psyche außergewöhnlich fordert, unterliegt unmittelbar und unwillkürlich der Macht des Stresshormon-Systems. "Es macht den Menschen seit den Anfängen der Evolution stark, in gefährlichen Momenten zu kämpfen oder zu fliehen", sagt der Mönchengladbacher Kardiologe Klaus Dominick. Er kann das beurteilen, denn er hat im Jahr 1995 als Notarzt an Bord den Absturz eines Rettungshubschraubers überlebt.
Ein merkliches Anzeichen einer Stressreaktion ist die erhöhte Ausschüttung eines Peptids namens Corticotropin-freisetzendes Hormon (CRH) im Limbischen System, einem Hirnbereich, der für die Programmierung von Stimmungen und Ängsten zuständig ist. CRH wiederum regt die Produktion des – weitaus bekannteren – Stresshormons Cortisol an. Die Ausschüttung von Cortisol ist während einer Infektionskrankheit, bei einer Depression, bei einem akuten psychischen Trauma oder bei chronischem Stress immer erhöht.
Parallel wird im autonomen Nervensystem ein Botenstoff namens Acetylcholin freigesetzt, der sofort die Ausschüttung der Panik-Hormone Adrenalin und Noradrenalin aktiviert. Sie bewirken die Alarmreaktion des Körpers (das "Arousal"), der Puls schnellt hoch, das Herz pumpt stärker, der Blutdruck steigt. Das bewirkt eine erhöhte Durchblutung der Muskulatur und erweitert die Bronchien; die Aktivität von Magen und Darm wird gedämpft.
Müntefering ist als Krisenmanager ebenso gebeutelt wie erfahren, als alter Haudegen und agiler Stratege wird er sich mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung trösten, dass so eine Situation nicht zwei Mal im Leben passiert. Andere werden zunächst oder für immer nur mit der Bahn fahren oder sich ins Auto setzen – obwohl es statistisch das riskantere Transportmittel ist.
Dominick erzählt: "Ich bin zehn Tage später wieder in den Hubschrauber eingestiegen und habe einen Notfallpatienten in die Uniklinik Münster geflogen. Wir sind beide sehr gut angekommen – ich fühlte mich damals sicherlich genauso erleichtert wie mein Patient." Und was passierte bei ihm gleich nach dem Absturz? Dominick: "Nach der Akutphase wirkt vor allem ein Botenstoff in unserem Gehirn, das so genannte Serotonin, heilsam. Wir wissen heute, dass Serotoninmangel mit Angststörungen einhergeht. Menschen, die größte Katastrophen psychisch scheinbar gut überstanden haben, haben sicherlich einen sehr stabilen Gehirnstoffwechsel mit Blick auf positive Botenstoffe."
Ein Teil der Passagiere dürfte eine so genannte "akute Belastungsreaktion" (ASD, "acute stress disorder") entwickeln, die nach etwa vier Wochen Dauer im ungünstigen Fall in eine so genannte "posttraumatische Belastungsstörung" übergeht und therapeutisch behandelt werden sollte. Einige Menschen hingegen werden das traumatische Erlebnis nicht nur produktiv verarbeiten, sondern können sogar daran wachsen. Es handelt sich hier um Menschen mit ausgeprägter "Resilienz" – dies ist der Fachbegriff für Widerstandsfähigkeit.
Franz Müntefering besitzt Resilienz offenbar in hohem Maß.
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