Düsseldorf: Über den Rubikon
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 10.01.2012 - 02:30Düsseldorf (RP). Mit einem Bild aus der Antike hat Bundespräsident Christian Wulff versucht, auf Zeitungsberichterstattung Einfluss zu nehmen: Heute vor 2060 Jahren überschritt Julius Cäsar den Fluss Rubikon und erklärte damit faktisch der Römischen Republik den Krieg.
Es wird wohl schon dunkel gewesen sein. Möglich, dass ein eisiger Wind vom Apennin herunterpfiff – Winterabende können auch in Mittelitalien unangenehm werden. Am Nordufer des Flusses steht ein römisches Heer, 300 Reiter und 5000 Legionäre, unter einem überaus ehrgeizigen Politiker und genialen Feldherrn. Das Nordufer gehört zur Provinz des Cisalpinischen Gallien, drüben beginnt das eigentliche Italien. Der Feldherr ist vom Senat aufgefordert, sein Kommando niederzulegen. Doch er schickt sich an, gegen Rom und gegen die Republik zu ziehen. Wenn er den Fluss überschreitet, bedeutet das Bürgerkrieg, Rebellion, Staatsstreich. Hier wird Geschichte geschrieben, das ist allen klar.
So berichtet es 150 Jahre später der Grieche Plutarch. Gaius Julius Cäsar heißt der Feldherr, Rubikon der Fluss. Als Datum ist der 10. Januar des Jahres 49 vor Christus überliefert, heute vor 2060 Jahren.
Knapp vier Wochen vor dem Jahrestag hat der deutsche Bundespräsident Christian Wulff dem Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, telefonisch gedroht, der Rubikon sei überschritten, falls über Details seiner Eigenheim-Finanzierung berichtet werde. Und schlagartig ist seither die römische Antike wieder in aller Munde.
Cäsar habe am Rubikon lange gezögert, berichtet Plutarch weiter: "Dann beriet er mit den Freunden und sann dem Gedanken nach, wie viel Unglück über alle Menschen kommen müsse, wenn er den Fluss überschritte, und wie die Nachwelt wohl über ihn urteilen werde." Plötzlich aber sei er losgeeilt "mit dem Wort, das schon so vielen über die Lippen gekommen ist, die einem ungewissen Schicksal und kühnen Wagnis entgegengingen: ,Der Würfel sei geworfen!'". Das ist ein Vers aus einer Komödie des griechischen Dichters Menander.
"Kriminalstück", "Theatercoup" nennt der Althistoriker Wolfgang Will die Rubikon-Überquerung. Es folgen: Sieg über den Rivalen Pompeius, Krieg in Ägypten, Liebschaft mit Kleopatra, Alleinherrschaft, Ermordung im Senat an den Iden des März 44, Berge von Toten, für Cäsar aber unsterblicher Ruhm.
Der Römer Sueton legte Cäsar später den Satz in den Mund: "Der Würfel ist geworfen" ("Iacta alea est"), woraus deutsch meist wird: "Der Würfel ist gefallen." Ob nun "ist" oder "sei" – das Wort soll nicht beschreiben, dass alles entschieden ist, sondern dass es kein Zurück mehr gibt. Wie das "Rien ne va plus" beim Roulette. "Nichts geht mehr": Jetzt kann nicht mehr eingegriffen werden, jetzt wird unausweichlich eine Entscheidung fallen über Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage, Ruhm oder Schande.
Dem Wort vom Rubikon sind über die Jahrhunderte Flügel gewachsen. Heute macht es sich besonders unter Bildungsbürgern gut; wer es benutzt, will seine Berührung mit dem klassischen Altertum herausstreichen.
Wer droht, sollte freilich auch wissen, womit er droht. Wulffs in höchster Erregung gesprochene Metapher vom Rubikon, den die "Bild"-Zeitung mit der Veröffentlichung überschreite, entwickelt so jedenfalls ein ungewolltes Eigenleben – durchaus möglich, dass mit diesem Anruf tatsächlich der Würfel geworfen wurde; unbekannt jedoch bisher, wer die Knobelpartie am Ende gewinnt. Als ungünstig für den Anrufer erweist sich da allerdings der historische Rückgriff: Der den Schritt über den Fluss wagte, gewann, nämlich Cäsar.
Gut nur, dass die Moderne nicht mehr so rabiat ist wie die Antike: Bei Cäsars Schritt handelte es sich formal um Hochverrat, es ging um Leben und Tod. Wulffs Höchststrafe dürfte allenfalls der Rücktritt sein.
In mancherlei Hinsicht hängt also das Sprachbild vom Rubikon mächtig schief. Wehe aber, wenn man es noch weiter auswalzt. Christian Wulff stehe "mit den Füßen im Rubikon", hieß es unlängst im Deutschlandfunk: "Aber es ist noch nicht ausgemacht, dass er nicht im Amt bleibt." Da war aber gar nicht die Rede davon, hier habe einer eine Entscheidung getroffen, jetzt gelte es den Kampf; vielmehr wurde da der Rubikon stillschweigend zum Jordan, über den der Präsident dann – nur politisch, versteht sich – vielleicht doch noch gehen muss. Stärker regional Verwurzelten bietet sich für ähnlich missratene Vergleiche die Wupper an.
Am Rubikon zeigt sich dieser Tage, dass Reden bisweilen tatsächlich nur Silber ist – wie schon bei Boethius, der im 6. Jahrhundert in seinem "Trost der Philosophie" einen pikanten Dialog überliefert: Da wird ein Möchtegern-Philosoph provoziert mit dem Satz, wahre Weisheit erweise sich darin, ob man Kritik still und geduldig hinnehmen könne. Der Aufschneider schweigt kurz und sagt dann, als ob er sich darüber "mit leichtem Spott hinwegsetzte": "Siehst du nun, dass ich ein wirklicher Philosoph bin?" Antwort: "Ich hätte es erkannt, wenn du geschwiegen hättest."
Aber wer hat behauptet, Präsidenten seien Philosophen?
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