So tötet das Öl die Vögel
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 16.06.2010 - 02:30Die Katastrophe im Golf von Mexiko ist auch eine Gefahr für Seevögel. Zahlreiche Helfer versuchen momentan mit wenig Aussicht auf Erfolg, ihnen das Leben zu retten. Doch auch die Reinigung von Öl ist nicht ungefährlich. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Sie sind das Symbol der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko: mit Öl verschmierte Vögel, besonders Pelikane, die sich an die Küste schleppen und dort von Helfern eingesammelt werden. Doch dann sind sie noch lange nicht gerettet.
Wie kommen die Vögel mit dem Öl in Berührung?
Das Öl auf dem Meer lässt die Wasseroberfläche besonders glatt erscheinen. Das deuten Seevögel als Hinweis auf einen Fischschwarm direkt unterhalb der Wasseroberfläche. Deshalb landen sie bevorzugt dort. Außerdem brüten gerade viele Vögel an den US-Küsten und geraten in das angeschwemmte Öl.
Wie schädigt das Öl die Vögel?
Das passiert auf vielen Wegen. Zunächst verkleistert das Öl das Gefieder der Vögel und erschwert das Fliegen beziehungsweise macht es unmöglich. Das Öl löst auch den Federverbund auf, so dass dieser seine isolierende Wirkung verliert. Die Tiere brauchen mehr Energie, um ihre Körpertemperatur zu halten.
Außerdem können die Federn Wasser nicht mehr so gut abweisen. Viele Tiere ertrinken. Weil die Tiere sich mit dem Schnabel vom Öl reinigen wollen, gelangt es auch ins Körperinnere. Die Tiere vergiften sich allmählich, sagt Heidrun Heidecke, Leiterin der Abteilung Naturschutzpolitik beim BUND. Da sie die ganze Zeit damit beschäftigt sind, sich zu putzen, vernachlässigen sie die Nahrungssuche. Das schwächt die Tiere weiter. Die meisten von ihnen schaffen es nicht an Land.
Was wird in den USA getan, um den Vögeln zu helfen?
Freiwillige Helfer sind in Louisiana, Alabama, Mississippi und Florida an den Küsten unterwegs, um die ölverschmierten Vögel einzusammeln. Die Helfer bringen sie in eine der vier Auffangstationen. Dort werden sie dann vom Öl befreit.
Wie läuft die Reinigung ab?
Mehrere Helfer halten den Vogel fest, der sich gegen die Prozedur wehrt, dann wird sein Gefieder mit Wasser und milden Waschmitteln gesäubert. Dafür setzen sie Zahnbürsten und Wasserstrahler ein, die Augen reinigen sie mit Wattestäbchen. Der Aufwand für ein einzelnes Tier ist groß. So werden für einen Pelikan etwa 1000 Liter Wasser benötigt. Eine Stunde dauert der Prozess.
Welche Chancen haben die Vögel zu überleben?
Sichere Zahlen gibt es nicht, doch gehen Experten davon aus, dass nur ein Bruchteil überlebt, weniger als ein Zehntel. Selbst wenn sie in eine Auffangstation kommen, sind sie häufig schon so geschädigt, dass die Reinigung nicht mehr hilft. Zumal die Reinigung selbst großen Stress für die stark geschwächten Tiere bedeutet. "Für die Vögel ist die Prozedur sehr anstrengend", sagt Markus Nipkow, Vogelexperte des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), "teilweise so anstrengend, dass sie noch während der Rettungsaktion sterben."
Lohnt sich der Aufwand überhaupt?
Hier gehen die Meinungen auseinander. Viele Tierschützer wollen so viele Tiere wie möglich retten, selbst wenn die Überlebenschancen für die Vögel nicht besonders groß sind. Mit Verweis auf die geringe Überlebensrate gibt es aber auch Wissenschaftler, die die Rettungsversuche für nutzlos halten beziehungsweise fordern, dass die Ressourcen sinnvoller eingesetzt werden. So lehnte die deutsche Biologin Silvia Gaus gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" kürzlich die Vogelwaschungen ab. Und Heidrun Heidecke vom BUND fordert, viel früher anzusetzen. "Es darf erst gar nicht zu solchen Ölkatastrophen kommen." Einig sind sich die Wissenschaftler jedoch, dass bei vom Aussterben bedrohten Vogelarten jedes gerettete Exemplar zählt.
Wer würde ölverschmierten Vögeln in Deutschland helfen?
Bei einem Ölunglück in deutschen Gewässern wären die Ressourcen dafür gering. So gibt es laut Markus Nipkow in Schleswig-Holstein nur zwei Auffangstationen für Vögel mit einer Kapazität für wenige hundert Tiere. "Das wäre angesichts von vielen Tausend verschmutzten Vögeln natürlich nicht ausreichend", sagt er. Selbst wenn die Vögel gerettet werden könnten, müsste erst deren Lebensraum wieder hergestellt werden, bevor man sie freilassen kann. Die Tiere müssten also lange Zeit anderswo untergebracht werden. Dafür gebe es aber laut Nipkow in Deutschland keine ausreichenden Kapazitäten.
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