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Gewalt ist kein Gottesprinzip

VON GREGOR MARIA HOFF - zuletzt aktualisiert: 12.08.2010 - 02:30

Die Salzburger Festspiele 2010 inszenieren Mythos und Religion unter dem Motto "Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie". Stimmt das? Will Gott Opfer und schafft Gott Opfer? Eine kritische Erwiderung des Salzburger Fundamentaltheologen Gregor Maria Hoff.

Salzburg "Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie." Die Salzburger Festspiele treten zur Feier ihres neunzigjährigen Bestehens mit einem markanten Titel an. Er verspricht Aktualität. Schließlich leben wir in Zeiten, in denen Religionen unterschiedlichsten Verdacht auf sich ziehen.

Menschen lassen ihre Vorstellungen von Gott auf andere Menschen los. Und im Zeichen unabsehbar vieler Missbrauchsfälle scheint derzeit besonders die katholische Kirche einen gleichsam naturgesetzlichen Zusammenhang von Gewalt und Religion nahe zu legen.

Ist dem wirklich so? Steht "Gott" für die humane Tragödie schlechthin? Die Welt der griechischen Mythen, die in Salzburg Festspieltage erleben, bebt im Kontakt von Himmel und Erde. Götter bedienen sich der Menschen zu ihrer Lust. Sie zeugen sie nach der Maßgabe ihres sexuellen Appetits. Sie lassen sie zugrunde gehen, wie es ihnen gerade passt.

An Brutalität sind diese Geschichten kaum zu überbieten – oder doch? Für den österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier, der im Auftrag der Salzburger Festspiele ihr Motto auslegt, ist das keine Frage. Der eine Gott des Monotheismus ist der Erzverbrecher der Geschichte. Die Religion des einen Gottes bildet die letzte Konsequenz des Mythos: Götter wollen Opfer – und: Gott macht Opfer.

Gottmenschen bevölkern die mythischen Erzählkränze zuhauf. Ihre Geschichten gehen zumeist nicht gut aus. Halb Gott zu sein, macht Lust auf mehr. Im göttlichen Ehrgeiz des Menschen zeigt sich die katastrophische Neigung der Himmlischen. Sie lassen mit sich spielen und rächen sich dafür. Tantalus will sein wie sie und schlachtet dafür den eigenen Sohn. Ist das nicht die einschlägige Politik eines anderen Gottes, des Gottes Abrahams? Des Gottes Jesu, der ihn ans Kreuz hängt?

Wie auch immer, die Olympier inszenieren die Auferstehung des ermordeten Tantalussohnes und schenken ihm ein zweites Leben. Das muss er an der Seite des Poseidon führen – "als Lustknabe". Wer sagt es denn? Einmal aus Gewalt erstanden, bleibt dieses Opfer dem Gottesprinzip treu. Es mordet selber weiter, denn das ist die äußerste Macht des Lebens: den Tod zu geben. Der unendliche Kreislauf der Gewalt bestätigt sich selbst und die, die ihn einführten: die Götter.

Letztlich geht es den Salzburger Festspielen um die Entlarvung des einen Gottes, um die Einsicht, dass "die Liebe eines einzigen Gottes ein Höchstmaß an Unfreiheit bedeutet, dass es keine stärkeren Fesseln gibt als die Liebe eines Gottes – vor allem, wenn diese Liebe in einem Akt der Selbstopferung ihre Erfüllung findet."

Anders als der Salzburger Chefinterpret Michael Köhlmeier meint, begrenzt ausgerechnet der Monotheismus jede Gewalt im Namen Gottes. Als Israel seinen Gottesbegriff zum Gedanken des Einen ausbildete, verpflichtete es seine Anbetung auf das Bilderverbot. Kein Bild von Gott machen, heißt aber: sich Gottes nicht bemächtigen. Gott ist nicht unser Projekt – dann wäre er nichts als unsere Erfindung, unser Mythos.

Der lebendige Gott ist für Israel der Gott, der dem Menschen Einhalt gebietet, wo er sich an Seine Stelle setzt. Stattdessen tritt der Gott Israels für den Menschen und die Rechte jedes einzelnen ein. Das ist der Sinn der Thora, des Gottesrechts.

Das christliche Bekenntnis zur Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth begreift sich als Konsequenz dieser Überzeugung. Es handelt sich dabei nicht um die Verdopplung eines Mythos. Es geht auch nicht um die herkulische Gestalt eines Halbgottes, der genau deshalb unmenschlich wird. Vielmehr wird gerade in der äußersten Entrechtung des Menschen seine göttliche Würde aufgedeckt.

Der Mythos träumt von der Macht. Der christliche Gottesglaube macht die Ohnmacht zum Ort der Gotteserfahrung. Wo alles zu Ende scheint, setzt sich die schöpferische Liebe Gottes durch. Sie durchbricht die Logik der Gewalt – und damit auch jene Gottesgewalt, die die Kirchen in den vergangenen Jahrhunderten allzu oft auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Dass die Bibel selbst Gewaltgeschichten auflegt, stellt den Gottesglauben auf kritische Proben. Die Einsicht in die Grundunterscheidung von Gott und dem menschlich Zugriff auf ihn – sie wird dabei im Raum der biblischen Schriften selbst als Offenbarung erfahren. Dazu gehört die nötige Zivilisierung des unbändigen Materials, das in jener Versuchung zur Gewalt auftritt, der wir als Menschen nie ganz entkommen. Sie anzunehmen, sich der eigenen Gefährdung zu stellen, das ist die Aufgabe der Theologie und der Gehalt ihres Bekenntnisses. Sie demaskiert den Mythos – auch jenen vom vermeintlich gewaltversessenen Monotheismus.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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