Digital poliert: Mike Oldfield neu aufgelegt
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 12.08.2010 - 02:30Jetzt werden diese alten Platten mit den komischen Titeln noch einmal veröffentlicht, und man weiß nicht, was rührender ist: die epische Musik, die mit großer Unschuld Avantgarde und Kitsch verbindet, oder die Art, wie ihr Urheber mit dem Dasein als Popstar haderte. Sicher ist: Mike Oldfield veröffentlichte 1973 mit 20 Jahren "Tubular Bells", und sein Debütalbum verkaufte sich 17 Millionen Mal – besser also als sein großer 80er-Jahre-Hit "Moonlight Shadow". Es war die erste Platte, die bei der Firma Virgin erschien, ihr Chef Richard Branson ist heute also auch deshalb so reich, weil es Mike Oldfield gibt. Zwei Stücke hatte die Platte nur, jedes 20 Minuten lang und voller Ideen: Folk und Pop, Elektronik und Spökenkiek, Prog-Rock und Experiment. Es klang größtenteils ziemlich gut, manchmal aufregend, mitunter esoterisch. Die Zeit war so.
Fast 300 Wochen hielt sich die Platte in den englischen Charts, und als Oldfield 1974 "Hergest Ridge" nachlegte – wieder zwei Stücke auf je einer LP-Seite –, landete das Werk sofort auf Platz eins, blieb dort allerdings nur drei Wochen, denn dann rückte erneut "Tubular Bells" an seine Stelle. Oldfield war nun steinreich und ein Star, aber berühmt zu sein, gefiel ihm nicht. Seit seiner Kindheit fürchtete er sich vor Menschenmengen, deshalb entzog er sich dem Geschrei des Marktes und kaufte ein Anwesen namens "The Beacon" in Herefordshire nahe der walisischen Grenze.
Richard Branson schüttelte zunächst den Kopf, ließ dann aber rasch alle erdenklichen Geräte zur Klangerzeugung anliefern und ein Studio einrichten – der junge Kerl mit dem fisseligen Vollbart und dem langen Haar war sein Goldesel. Zumal es auch in den USA gut lief für ihn. Dort wurde "Tubular Bells" populär, weil es im Soundtrack zur spektakulären Verfilmung von "Der Exorzist" zu hören war.
Wenn Oldfield in "The Beacon" aus dem Fenster schaute, sah er einen mit Gras bewachsenen Hügel, und diesem "Hergest Ridge" widmete er seine nächste, arg meditative Platte. Dutzende Instrumente sind im Einsatz, und da Oldfield mit Mischpult und Bandmaschine so gut umgehen konnte wie mit Spinett und Harfe, gönnte er sich technische Tricks. Für ein kurzes Thema etwa legte er 17 Gitarren übereinander. Das klang sehr schön, sehr dicht und ziemlich langweilig.
"Tubular Bells" ist es noch immer wert, angehört zu werden. Bei den zwei folgenden Platten dürfte die Vorfreude auf die Wiederbegegnung größer sein als der Hörgenuss. Dass Oldfield alle Stücke für die Neuausgaben digital poliert hat, ändert daran nichts. "Ommadawn" etwa, die nächste Platte, bringt in zwei Mal 19 Minuten keltische Folklore und Afro-Jazz zusammen, dazu singt Mikes später als Solokünstlerin erfolgreiche Schwester Sally in einer gälisch anmutenden Kunstsprache. Das ist verwegen, dafür muss man in Stimmung sein.
Ein Ereignis sind indes die Texte und Fotos, die den jeweils drei CDs starken Ausgaben beiliegen und Geschichten von damals erzählen. Eines zeigt den stolzen Oldfield, der vor sich seine Instrumente aufgebaut hat. Es sind 26. Die Zeit war so.
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