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A 57 – im Ernstfall ein Militärflugplatz

VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 20.08.2010 - 02:30

Während der Ferien berichten unsere Reporter von geheimnisvollen Orten in NRW. Heute: Das Autobahnteilstück zwischen Alpen und Sonsbeck, das in 24 Stunden zu einem Not-Landeplatz der Nato geworden wäre, wenn aus dem Kalten Krieg ein heißer geworden wäre.

alpen/Sonsbeck Irgendetwas ist merkwürdig hier. Anders als gewohnt, ohne dass man es sofort benennen könnte. Etwas, das einem sonst gar nicht so auffällt, nun aber fehlt – auf der A 57 zwischen den Rastplätzen Hamb und Bönninghardt. Dann fragt man sich, wann man zuletzt eine Brücke oder einen Überbau gesehen hat, während man ganz einfach nur geradeaus gefahren ist. Moment, wirklich geradeaus? Wo sich Autobahnen doch sonst scheinbar immer irgendwie winden, sich durchs Gelände schlängeln oder über weite Kurven führen.

Nein, auf diesem Stück heißt geradeaus auch tatsächlich geradeaus. Und noch etwas fehlt. Etwas, das man in seiner Eintönigkeit nur selten bewusst wahrnimmt, aber doch ein ständiger Begleiter auf der Autobahn ist. Es fehlt das Grün im Mittelstreifen, das dem Grau des Asphalts sonst etwas Farbe verleiht. Könnte man mitten auf der Autobahn anhalten und einen Blick auf dem Mittelstreifen werden, dann würde man auch feststellen, dass die Leitplanken nur gesteckt und nicht etwas im durchbetonierten Mittelstreifen fest verankert sind. So wie Bauklötze, die man jederzeit entfernen könnte. Und so falsch liegt man damit nicht. Denn die Leitplanke wäre "weggesteckt" worden auf der A 57 zwischen Alpen und Sonsbeck. Dort, wo die Nato zwischen den Rastplätzen Hamb und Bönninghardt vor 30 Jahren die Freiheit der Bundesrepublik verteidigt hätte.

Vor 30 Jahren – das war die Zeit, als der Feind kein anonymer Gegner war. Sondern im Osten lauerte, hinter dem Eisernen Vorhang, bereits auf dem Boden der damaligen DDR und nur darauf wartete, dass aus dem Kalten ein heißer Krieg werden würde. Klar war auch, dass im befürchteten Nato-Bündnisfall des Krieges die militärische Infrastruktur in Westdeutschland eins der ersten Ziele gewesen wäre. Vor allem die Flughäfen, von denen die Kampfflugzeuge und Atombomber starten sollten.

Um die Lufthoheit nicht völlig zu verlieren, griff die Nato darum eine Überlegung auf, die Hermann Göring als Reichsluftfahrtminister schon in der Endphase des Dritten Reichs hatte. Die Autobahnen, die "Straßen des Führers", sollten da als Not-Landeplätze herhalten. Eine Idee, die nach Aufnahmen von britischen Aufklärern ab 1944 auch Realität wurde – und die in den 60ern wieder aufgegriffen wurde: 1964 gab der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) die Richtlinien für den "Ausbau von Straßen als Not-Landeplätze für Flugzeuge" (NLP) heraus. Die Längen der provisorischen Start- und Landebahnen waren dabei je nach den Bedingungen vor Ort unterschiedlich. Auf der A 57 beträgt sie 3100 Meter, mit je 200 Meter Ausrollstrecke an Anfang und am Ende. Insgesamt also 3500 Meter, die am 3. April 1981 freigegeben wurden. Die Kosten alleine dafür tauchen im Straßenbaubericht des Bundes nicht auf, dafür aber für den gesamten 10,75 Kilometer langen Abschnitt zwischen Sonsbeck und Alpen. Umgerechnet betrugen sie 49 Millionen Euro.

Nach den Richtlinien durfte der NLP-Abschnitt nicht mehr als zwei Meter über oder unter dem umliegenden Gelände liegen. Zudem sollte das Gefälle nicht mehr als drei Prozent, möglichst sogar weniger als zwei Prozent betragen. Auch im Querprofil war die Neigung strikt vorgegeben: unter zwei Prozent. Die beiden Rastplätze Hamb und Bönninghardt wären im Ernstfall zu Abstellflächen für sechs bis zehn Flugzeuge geworden. Das erklärt auch die im Vergleich zu normalen Rastplätzen deutlich trapezförmige Gestaltung mit breiten Zufahrten und Stromanschlüssen. Wahrscheinlich hätte die Royal Air Force sie genutzt. Für den Fall, dass ihr Militär-Flughafen Weeze-Laarbruch nicht mehr einsatzfähig gewesen wäre. Die Löcher für die Steckpfosten der Leitplanken hätte man dann auch so verschlossen, dass der Sog der Kampfbomber bei ihren Starts sie nicht wieder aufgerissen hätte. Dafür hatte der Mittelstreifen Einzelrad-Lasten von weit mehr als fünf Tonnen ausgehalten.

Innerhalb von maximal 24 Stunden wäre der Not-Landeplatz mit der Nummer III/3 bereit gewesen und mit einem mobilen Kontrollturm, mit mobilen Leit- und Funksystemen sowie Tankanlagen ausgerüstet worden.

Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es dafür keinen Bedarf mehr. Eigentlich waren noch mindestens 15 weitere solcher NLP geplant, die dann aber nicht mehr realisiert wurden.

Die bestehenden 24 gerieten wie das Teilstück auf der A 57 in Vergessenheit. Die Antwort auf Nachfrage beim Landesbetrieb Straßen.NRW lautet: "Na, wenn Sie es sagen, dass es als Landebahn gedacht war, wird es wohl stimmen."

Quelle: Rheinische Post

 
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