Düsseldorf: Vodafone: Ende fürs Festnetz?
VON REINHARD KOWALEWSKY - zuletzt aktualisiert: 09.09.2011 - 02:30Düsseldorf (RP). Deutschlands größter Mobilfunker steht vor dem Start des LTE-Feldversuchs in Krefeld und Düsseldorf. Das superschnelle Internet könnte der Wachstumsmotor sein und das Ende des traditionellen Telefonnetzes einläuten.
Radikale Schritte wagt Vodafone-Chef Friedrich Joussen nur selten. Aber wenn, dann richtig: Vor drei Jahren übernahm Vodafone Deutschlands zweitgrößte Festnetzfirma Arcor. Aus dem reinen Mobilfunker Vodafone wurde ein breit aufgestellter Telefonkonzern. Jetzt wagt er die Wende rückwärts: In Kürze startet in Düsseldorf und Krefeld der Versuch, bisherige DSL-Kunden für die neue Mobilfunktechnik LTE als Ersatz zu begeistern. Die Mitarbeiter der Vodafone-Shops werden geschult. Und bereits jetzt hat Joussen angekündigt, den regionalen Start am Firmensitz Düsseldorf schon bald bundesweit auszudehnen.
Mit der neuen Strategie setzt Joussen an fünf Punkten an. Begeistern sich tatsächlich schnell viele Millionen Kunden für LTE statt DSL, ist Vodafone Deutschland indirekt Totengräber des Festnetzes für die ganze Welt. "Die ganze Vodafone-Gruppe und viele andere Netzbetreiber schauen auf den Netzstart in Düsseldorf", sagt Bernd Schmidt, Geschäftsführer des LTE-Ausrüsters Ericsson. "Die Technik hat sich bereits eindrucksvoll bewährt. Nun geht es darum, die Kunden von den Vorteilen zu überzeugen, die ihnen das LTE-Breitbandnetz bietet."
Innerhalb von Vodafone Deutschland drängt die LTE-Strategie die 3500 mit Arcor hinzugekommenen Festnetz-Experten stark in die Defensive. Deutlichstes Zeichen ist der bis April 2012 geplante Verkauf eines Kundendienst-Zentrums in Esssen. "Wir werden abgeschoben", ärgert sich die dortige Betriebsratschefin Lola Hort, "für unsere Loyalität und gute Arbeit gibt es keinen Dank."
Außerdem will Joussen mit LTE und anderen Technologien das Mobilfunkgeschäft von bisherigen Schwächen befreien. Elf Jahre ist es her, dass die Briten Mannesmann in einer spektakulären Übernahmeschlacht für 190 Milliarden Euro übernahmen, weil sie auf Supergewinne aus deren Handysparte D-2 hofften. Doch die Vision des "mobilen Internet" kommt bisher nur schleppend voran. Schätzungsweise jeder fünfte Kunde nutzt in Deutschland sein Handy für das Aufrufen von Infos. Dabei hatte D2 im Jahr 2000 acht Milliarden Euro für eine UMTS-Lizenz für das besonders schnelle Übertragen von Bits und Bytes auf das Handy bezahlt. Und obwohl Vodafone Deutschland mittlerweile jeden fünften Euro mit dem Übertragen von mobilen Datendiensten umsetzt, scheint Apple der wahre Sieger im mobilen Internet zu sein. Musik und Apps auf seinem Handy rechnet der Computerkonzern direkt ab. Vodafone schaut in die Röhre.
Dies soll alles anders werden. Mit LTE hat Vodafone viel größere Funkkapazitäten und will nun Millionen Laptops auch mobil versorgen. Der Tarif für das LTE-Angebot in Düsseldorf: 39,99 Euro monatlich kostet die Versorgung mit einer Flatrate für zu Hause inklusive Telefon-Flatrate ins Festnetz. Für zehn Euro mehr kann man dann überall in Deutschland unabhängig vom Wohnort surfen. Für Vodafone soll LTE zur Goldgrube werden: Auf Dauer sollen 500 Millionen Euro im Jahr eingespart werden, wenn die Durchleitungsgebühr von zehn Euro pro Monat/Haushalt durch Kupferkabel der Telekom unnötig wird. Zusätzlich will Vodafone das Handy zum Bezahlmittel umfunktionieren und so wie eine Kreditkartenfirma Gebühren kassieren. Vodafone hat sich mit Telekom und O 2 auf ein gemeinsames Zahlungssystem geeinigt. Mit einem Funkimpuls wird an der Kasse gezahlt – abgerechnet wird per Handy-Rechnung.
In den nächsten Jahren, so die meisten Experten, werden weitere 20 oder 30 Millionen Deutsche sich Smart-Phones kaufen, mit denen sie erstmals auch kleine Programme ("Apps") oder Medieninhalte unterwegs nutzen. Der Trend: Mobiles Surfen entwickelt sich vom Vorreiterprodukt zum Massenerlebnis. Bisher macht Apple hier das große Geschäft, doch Vodafone hält wie Telekom und O 2 dagegen: Gezielt werden Smart-Phones mit dem Betriebssystem Android von Google angeboten – zum Jahreswende werden einige Modelle wohl nur noch rund hundert Euro kosten. Joussen macht den Kunden ein Angebot: Wenn sie Musik, ein Spiel oder ein Medien-Abo abonnieren, können sie das per Handy-Rechnung statt Kreditkarte zahlen. Und damit es keinen Funkstau gibt, drückt Joussen beim LTE-Ausbau auf die Tube.
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