"Sparkurs schuld an Bahn-Pannen"
zuletzt aktualisiert: 14.07.2010 - 02:30Experten und Politiker sehen im Rationalisierungskurs der Deutschen Bahn eine wesentliche Ursache für die massiven technischen Probleme, etwa mit dem Totalausfall der Klima-Anlagen in ICE. Die Zahl der betroffenen Fahrgäste ist offenbar deutlich höher als bislang bekannt.
Das Klimaanlagen-Problem entwickelt sich für die Deutsche Bahn zum Desaster. Offenbar sind weit mehr Bahnkunden betroffen, als bislang gedacht. Am Wochenende sprach die Bahn lediglich von drei ICE, in denen die Kühlung versagte. Weil in den Waggons die Fenster nicht geöffnet werden können, stiegen die Temperaturen bis auf 50 Grad – mindestens 44 Menschen kollabierten.
Am Montag musste die Bahn aber sogar das Technische Hilfswerk (THW) zu Hilfe rufen. Wegen überhitzten Waggons versorgten die Helfer in Hannover Tausende gestrandeter Zugreisender mit Wasser. Allein in Hannover wurden an diesem Tag zehn ICE wegen Klimaanlagen-Defekten aus dem Verkehr gezogen.
Aufgerüttelt durch die Schlagzeilen in den Medien berichten jetzt immer mehr Bahnkunden in Internetforen wie Facebook und Twitter über ausgefallene Klimaanlagen in ihren Zügen. Der Fahrgastverband "Pro Bahn" hat nach eigenen Angaben allein seit dem Wochenende mehr als 100 Hinweise auf Hitze-Probleme in Zügen erhalten – normalerweise sammelt die Organisation 1000 Beschwerden im ganzen Jahr. "Von Einzelfällen kann keine Rede mehr sein", sagte ein Sprecher, "die Beschwerden sind großflächig und betreffen nahezu alle Zugtypen." Die Bahn konnte bis gestern abend die Frage nach der Anzahl der betroffenen Züge und Passagiere nicht beantworten.
Seit Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn 2008 vergeblich versuchte, die Bahn an die Börse zu bringen, kämpft das Unternehmen gegen einen bösen Ruf: "Die Sparmaßnahmen der Bahn in den vergangenen Jahren vor dem Hintergrund des geplanten Börsengangs schlagen eben bis heute bitter zu Buche", sagt zum Beispiel Winfried Hermann, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen in Berlin. Sein Amtskollege von der CDU/CSU-Fraktion, Dirk Fischer, äußerte sich gegenüber unserer Zeitung fast wortgleich. Rainer Engel, Rechtsexperte von "Pro Bahn", sagte: "Wenn die Bahn an der Wartung und an der Ausstattung der ICE-Züge mit besserer Technik spart, dann ist das das Ergebnis der Politik der Regierungen Kohl, Schröder und Merkel." Er spielt damit auf den seiner Ansicht nach durch die Politik verzerrten Wettbewerb auf dem Verkehrsmarkt an.
Im vergangenen Winter sorgten Frost und Schnee für einen monatelangen Ausnahmezustand im Nah- und Fernverkehr. "Die Bahn hat zwei Probleme: Sommer und Winter", ätzte gestern ein Blogger im Internet. "Bahncard 50 Grad", kommentierte ein anderer.
Verstopfte Toiletten, nicht funktionierende Kupplungen und defekte Türen ärgern die Kunden seit Jahren. Die Wartung stockt, weil die Reparaturbetriebe der Bahn seit Monaten mit dem Austausch zigtausender Achsen blockiert sind. Ursache sind laut Bahn Materialfehler, die die Hersteller zu verantworten haben. Aber das interessiert die Bahnkunden wenig. Unlängst riss bei voller Fahrt eine Tür aus der Verankerung.
Warum ein total überhitzter ICE mit kollabierenden Schülern an Bord erst nach 50 Minuten Fahrt in Bielefeld gestoppt hat – dem gehen mittlerweile die Bundespolizei und die Staatsanwaltschaft nach. Ausbildungsdefizite und lange Entscheidungswege dürften eine Rolle gespielt haben. In jedem ICE hat der Zug-Chef das letzte Wort – theoretisch. Er kann sich mit dem Lokführer telefonisch verständigen, die Vorschriften lassen ihm aber nur wenig Spielraum. Vor einem außerplanmäßigen Halt, etwa um Wasser an Bord zu nehmen, muss er eine der über Deutschland verteilten "Zentralen Transportleitungen" um Erlaubnis fragen. "Nur bei Gefahr für Leib und Leben" darf der Zug-Chef einen Stopp von sich aus anordnen, sagt Gerda Seibert von der Gewerkschaft der Lokführer. Für die Kollegen vor Ort sei es aber schwer zu unterscheiden, wann diese Gefahr gegeben ist. Auch mit Blick auf die immer wieder auftretenden Fälle von Herzinfarkten oder Schlaganfällen im Zug sei die Vermittlung medizinischer Grundkenntnisse außerordentlich sinnvoll, sagt Seibert. Leider gelte aber bei der Bahn die Regel: "Erst muss was passieren, dann wird geschult." Auch der Grünen-Politiker Hermann fordert, das Bahnpersonal besser für Krisen-Situationen zu schulen.
Internet Video der Fahrgäste im überhitzten ICE unter www.rp-pnline.de/panorama
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