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"Lohnplus von drei Prozent"

zuletzt aktualisiert: 19.02.2011 - 02:30

Der neue Leiter des DIW, Gert Wagner, rechnet mit deutlich steigenden Löhnen. Wohlhabende Gruppen sollten mit einer "Luxussteuer" und höheren Einkommenssteuern den Staat stärker finanzieren.

Professor Wagner, spüren die Arbeitnehmer dieses Jahr den Aufschwung?

Wagner Absolut. Zunächst einmal dadurch, dass die Beschäftigungssicherheit gestiegen ist. Ich denke auch, dass die massive Lohnzurückhaltung, die wir vor einigen Jahren erlebt haben, vorbei ist. Das durchschnittliche Lohnplus dürfte im laufenden Jahr bei rund drei Prozent liegen, zwischen den Abschlüssen in der Exportbranche von 3,5 Prozent und den in eher binnenorientierten Branchen von 2,5 Prozent.

Seit Monaten streitet die Politik über Hartz IV. Ist es ökonomisch bedeutsam, ob Hartz-IV-Empfänger nun fünf oder acht Euro mehr bekommen?

Wagner Die wirtschaftlichen Wirkungen werden sich in Grenzen halten. Es ist keine ökonomische oder statistische Entscheidung, ob der Regelsatz 364 oder 370 Euro beträgt, sondern eine rein politische.

Muss die Politik nicht auf den Abstand niedriger Einkommensgruppen zu Transferempfängern achten?

Wagner Natürlich, das gehört zu politischen Entscheidungen zu.

In den Verhandlungen wurde ein Mindestlohn in der Zeitarbeit vereinbart. Ist Deutschland schrittweise auf dem Weg zu einem Mindestlohn?

Wagner Ich glaube, dass die Widerstände gegen einen allgemeinen Mindestlohn immer mehr und parteiübergreifend abnehmen.

Was ist Ihre Meinung?

Wagner Ich plädiere für einen allgemein gültigen, moderaten Mindestlohn in Deutschland, der extreme Ungerechtigkeiten verhindert und möglichst wenig negative Beschäftigungseffekte mit sich bringt.

Wie hoch sollte der sein?

Wagner Angemessen wäre aus meiner Sicht ein Mindeststundenlohn von sieben bis acht Euro. Das ist aber nicht die "Hausmeinung" des DIW Berlin, sondern meine ganz persönliche Meinung.

Sie haben viele Jahre die Einkommensverteilung mit der Langzeitstudie des DIW, dem Sozio-oekonomischen Panel, untersucht. Ist die Kluft zwischen reich und arm größer geworden?

Wagner Die Ungleichheit zwischen den Einkommen ist tatsächlich so hoch wie nie, seit wir 1984 mit diesen Analysen begonnen haben. Haushalte, die weniger als 60 Prozent des so genannten bedarfsgewichteten Einkommens haben, werden als arm bezeichnet. Das sind ungefähr 15 Prozent in Deutschland. Aber das ist ein statistischer Begriff, der nicht unbedingt mit dem, was wir im Portemonnaie haben, vergleichbar ist. Auch der Anteil der Reichen steigt, so dass die Mitte etwas schrumpft.

Muss die Politik die Reichen stärker zur Finanzierung der Gemeinschaft heranziehen?

Wagner Eine höhere Besteuerung derjenigen, die sich keine großen Sorgen machen müssen, halte ich persönlich für vertretbar.

Gibt es einen ökonomisch unschädlichen Weg, Reiche höher zu besteuern?

Wagner Die ökonomisch unschädlichste Besteuerung erfolgt über den Konsum, also die Mehrwertsteuer. Spitzenverdiener ließen sich über eine differenzierte Besteuerung der Luxusprodukte, also sehr hochwertiger Konsumgüter, stärker zur Finanzierung des Gemeinwohls heranziehen. Eine solche Luxus-Besteuerung bringt allerdings nicht viel Geld. Wenn man "Reiche" stärker zur Aufbringung der Steuern heranziehen will, dann kommt man um eine höhere Einkommens- und Vermögenssteuer nicht herum.

Michael Bröcker stellte die Fragen.

Quelle: RP


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