Kumpel setzen auf die Energiewende
zuletzt aktualisiert: 06.02.2012 - 02:30interview Bernd Tönjes ist als Chef der RAG Deutschlands oberster Bergmann. Wenn 2018 die letzte Zeche schließt, will er trotzdem weitermachen. Die RAG, in der die deutschen Steinkohlezechen gebündelt sind, will künftig mit Windrädern und Solarkraft Geld verdienen.
Seit 50 Jahren wird deutsche Steinkohle subventioniert. 2018 soll die letzte Zeche schließen. Hat der Ausstieg nicht viel zu lange gedauert?
Tönjes: Nein. Wir haben ihn ja grundsätzlich auch für falsch gehalten. Ohne die Zechen im Ruhrgebiet hätte es das Wirtschaftswunder nicht gegeben. Strukturwandel braucht Zeit. Daher ist es richtig, den Bergbau im Gleitflug zu beenden. Großbritannien hat es im Sturzflug gemacht und nun viele verarmte Regionen.
Wie viele Subventionen sind in Deutschland insgesamt geflossen?
Tönjes: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen. Weniger als in viele andere Bereiche. Viel mehr ist sicherlich durch den Bergbau aber wieder in unsere Volkswirtschaft zurückgeflossen. Doch die Beihilfe wurde auch so rasch wie keine andere abgebaut. Binnen fünf Jahren hat sich die Zahl der Bergleute halbiert. 2011 brauchten wir 1,5 Milliarden Euro. Das sind 500 Millionen weniger, als Bundesregierung und das Land NRW kalkuliert hatten, und die Beihilfen sinken weiter.
Als eines der letzten Bergwerke soll Ibbenbüren geschlossen werden. CDU-Fraktionschef Laumann, der dort seinen Wahlkreis hat, hofft, dass RWE Ibbenbüren übernimmt.
Tönjes: In Ibbenbüren wird zwar hochwertige Anthrazit-Kohle abgebaut – aber nicht zu Weltmarktpreisen. Kein Unternehmen wird für seinen Rohstoff mehr zahlen als nötig. Wenn das Bergwerk Ibbenbüren geschlossen wird, wird RWE voraussichtlich auf Importkohle umsteigen.
Sehen Sie angesichts des Energiehungers der Welt eine Chance, dass die deutschen Zechen jemals wieder aufgemacht werden?
Tönjes: Auch der Bergbau boomt ja – weltweit! Und Energiesicherung hat geopolitische Bedeutung. Die Krise im Iran belegt dies ja wieder. Man soll zwar nie nie sagen, aber noch liegen die Weltmarktpreise weit unter den Kosten, zu denen Kohle in Deutschland abgebaut wird. Jetzt schließen wir jedenfalls, wie mit der EU endgültig vereinbart, Ende 2018 die letzte deutsche Zeche. Wir werden ein Kapitel 200-jähriger Industriegeschichte mit Anstand beenden und auch die verbleibenden knapp 20 000 der einst 600 000 Arbeitsplätze im Bergbau sozialverträglich abbauen. Ein schwieriger Prozess – aber, das war´s dann.
Berührt Sie das?
Tönjes: Sehr! Mein Vater und meine Großväter waren Bergleute. Ich habe als Steiger im Bergwerk Lippe angefangen. Mit dem Bergbau endet auch für meine Familie eine Ära. Die gesamte Region wird den Verlust des Bergbaus spüren.
Wird auch die RAG Geschichte?
Tönjes: Die RAG wird auch ohne aktiven Bergbau existieren. Wir wollen die Energiewende nutzen. Wir haben erste Windräder auf Halden installiert und wollen aus alten Schächten Pumpspeicherkraftwerke machen. Im Saarland, wo die Sonne länger scheint als im Revier, bauen wir einen Solarpark.
Wie viele Mitarbeiter wird die RAG nach 2018 noch haben?
Tönjes: Von den derzeit rund 20 000 Mitarbeitern werden wir nach 2018 nur einige hundert Mitarbeiter für die Ewigkeitsaufgaben benötigen. Für die "neuen" Aktivitäten kann ich in Sachen Arbeitsplätze keine Prognosen abgeben.
Was wird aus Ihnen persönlich?
Tönjes: Ich arbeite gerne im Bergbau und sehe hier auch meine Aufgabe für die nächsten Jahre.
Eine Daueraufgabe für die RAG bleibt das Freihalten der Gruben. Was muss da getan werden?
Tönjes: Wenn wir die Gruben nicht dauerhaft abpumpen, steigt das Wasser. Es bestünde dann die Gefahr, dass salzhaltiges Grubenwasser sich mit dem Grundwasser mischt und Methangase aufsteigen. Wir sorgen dafür, dass das nicht passieren kann. Mit der Erfahrung und Kompetenz unserer Ingenieure.
Für diese Ewigkeitslasten muss die RAG-Stiftung aufkommen, das Geld dafür soll ihr unter anderem der Verkauf von Evonik bringen. Doch der Evonik-Börsengang droht, wegen der Schuldenkrise ein zweites Mal verschoben zu werden ...
Tönjes: Ich bin völlig sicher, dass die RAG-Stiftung bis 2018 den Kapitalstock aufgebaut haben wird, der zur Finanzierung der Ewigkeitslasten nötig ist. Evonik ist ein hochattraktiver Konzern. Da droht keine Gefahr. Garantiert.
Auch nach der Schließung von Zechen kommt es zu Bergschäden. Worauf müssen sich Anwohner in Zukunft einstellen?
Tönjes: Fünf Jahre, nachdem eine Zeche geschlossen wurde, gibt es in der Regel keine Bergschäden mehr. Und wenn Bergschäden auftreten, wird die RAG sie wie in der Vergangenheit angemessen begleichen. ..........................................................Antje Höning und Martin Kessler führten das Gespräch
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