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Kritik an anonymer Bewerbung

VON HANNA KOCH UND REINHARD KOWALEWSKY - zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 - 02:30

Fünf deutsche Unternehmen, darunter die Deutsche Post und L'Oréal, wollen anonyme Bewerbungen zulassen. Das Projekt soll dazu beitragen, Diskriminierungen zu vermeiden. Noch fehlt ein schlüssiges Konzept.

Diskriminierung auf eine spezielle Art erfährt Kristina Schröder praktisch täglich. Als jüngste Ministerin des Kabinetts wird die 33-jährige regelmäßig tituliert. Ihr kann es egal sein: Selbst wenn sie als Familienministerin versagt, würden der promovierten Soziologin und Bundestagsabgeordneten alle Türen offen stehen. Weniger prominente Bewerber scheitern dagegen oft mit ihren persönlichen Daten: Ihr Name klingt ausländisch, sie sind zu alt oder haben Kinder – Ausschlusskriterien für so manchen Personaler.

Deswegen hat die dem Familienministerium angegliederte Antidiskrimierungsstelle jetzt ein Projekt gestartet, mit dem ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren getestet werden soll. Fünf Unternehmen machen mit, darunter die Telekom, die Deutsche Post DHL und L'Oréal. Ein Jahr lang werden sie anonyme Bewerbungen annehmen, vorwiegend im Bereich der Nachwuchsgewinnung. Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Noch steht allerdings gar nicht fest, welche Kriterien anonymisiert werden sollen. Post-Sprecher Rolf Schulz verweist auf eine Projektgruppe, die für alle Unternehmen definieren werde, welche Daten abgefragt werden dürfen. Das Problem: Eigentlich lässt jedes Detail eines Lebenslaufes Rückschlüsse auf die Person zu. Hat der Bewerber etwa mehrere langjährige Beschäftigungen gehabt, kann der Personaler das Alter des Kandidaten schätzen. Gibt der Bewerber türkische Sprachkenntnisse an, könnte er Muttersprachler sein. "Eine konsequent anonyme Bewerbung wäre tatsächlich sehr verkürzt", sagt auch Post-Sprecher Schulz.

Genau deswegen hält Heinrich Kolb, sozialpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, das Verfahren für wenig praktikabel: "Den Unternehmen fehlen wesentliche Informationen über die Kandidaten", sagt Kolb. Die Entscheidung werde ins Einzelgespräch verlagert, betriebsinterne Abläufe verzögerten sich. Den hohen Verwaltungsaufwand bemängelt auch Oliver Steffens, personalpolitischer Experte beim Institut für Deutsche Wirtschaft (IW). Das Ziel, Diskriminierungen bei Bewerbungen auszuräumen, werde auch ohne staatliche Vorgaben erreicht: Angesichts des Fachkräftemangels könnten es sich Unternehmen gar nicht leisten, Kandidaten aufgrund von Vorurteilen abzulehnen.

Selbst die Projektteilnehmer sind von den anonymen Bewerbungen nicht überzeugt: "Wir wollen nicht nur auf die Zeugnisse schauen, sondern auch auf die Persönlichkeit", sagt Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Telekom. "Wir wollen weg vom Abgleich an immer gleichen Standards, hin zur Entdeckung individueller Begabung." Hinzu komme, dass die Telekom gezielt unterrepräsentierte Gruppen wie Frauen oder Migranten in die Firma locken wolle. Eine Frauenquote für Führungspositionen ist bereits eingeführt worden. Darum sei ausgeschlossen, Jobs künftig nur noch anonym zu vergeben. Die Telekom ist mit ihrer Skepsis nicht allein: 30 Unternehmen hatte die Antidiskriminierungsstelle für ihr Projekt angefragt – nur fünf davon waren bereit, anonyme Bewerbungen anzunehmen. Kommentar

Quelle: Rheinische Post

 
 
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