Essen: Kälte löst Strom-Engpass aus
VON ANTJE HÖNING UND BIRGIT MARSCHALL - zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 02:30Essen (RP). Die Kältewelle und der Atom-ausstieg bringen die deutschen Stromnetze an ihre Grenzen. Nun mussten die Netzbetreiber zum ersten Mal in dieser Kälteperiode auf die "eiserne Reserve" zurückgreifen: Sie brachten das Kohlekraftwerk Mannheim sowie alte Öl- und Kohlekraftwerke in Österreich ans Netz, um die Stromversorgung zu stabilisieren. Die Netzagentur hatte sich vor einigen Monaten 1000 Megawatt bei den österreichischen Kraftwerken als Reserve für den Notfall gesichert. Sie stoßen zwar viel klimaschädliches CO2 aus, lassen sich aber schnell zuschalten.
Die angespannte Lage hat viele Gründe: Mit der Energiewende mussten acht Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden, so dass nun nur noch neun Meiler am Netz sind. Zudem machen sich die Lieferprobleme des russischen Gasriesen Gazprom bemerkbar. Und anders als in den Tagen zuvor scheint in Süddeutschland jetzt kaum noch Sonne: Statt 8000 Megawatt Solarstrom wie in der Spitze lieferten die Solaranlagen gestern nur noch 3000 Megawatt. Um den hohen Bedarf zu decken, lässt RWE derzeit alle verfügbaren Kraftwerke laufen. 20 000 Megawatt hat RWE derzeit am Start: Allein die rheinische Braunkohle (Niederaußem, Neurath) liefert 10 000 Megawatt.
Die Bundesnetzagentur beruhigte zwar gestern, die Stromversorgung in Deutschland sei sichergestellt. Doch das Problem sind auch weniger die Kraftwerke als das Netz. Das droht nach einem früheren Szenario der Behörde zu kollabieren, wenn drei Dinge zusammenkommen: eine hohe Stromnachfrage (wie jetzt wegen der Kälte), wenig Sonne und damit wenig Solarstrom in Süddeutschland, viel Wind im Norden und damit viel Windstrom, der dort ins Netz drückt. Dann könnte das ohnehin angespannte Stromnetz es nicht mehr schaffen, die Belastungsunterschiede auszugleichen.
In der Branche gelten zwei Regionen als besonders anfällig für einen Blackout: der Raum Hamburg wegen der starken Windkraft-Einspeisung und der Raum Stuttgart wegen des hohen Verbrauchs der dortigen Industrie. Bundesweit haben sich stromintensive Betriebe wie Aluhersteller bereit erklärt, bei Engpässen vom Netz zu gehen – und erhalten dafür den Strom insgesamt günstiger. Doch bisher mussten die Netzbetreiber das Angebot nicht nutzen und haben noch keinen einzigen Industriebetrieb abschalten müssen, wie ein Sprecher des Netzbetreibers Amprion erklärte.
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