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Deutsche Löhne steigen kaum

VON BIRGIT MARSCHALL - zuletzt aktualisiert: 09.09.2010 - 02:30

Nirgendwo in Europa war der Zuwachs der Bruttolöhne in den vergangenen zehn Jahren so gering wie in Deutschland. Angesichts kräftigen Wachstums plädieren Ökonomen für ein Ende der Lohnzurückhaltung.

Deutschland ist nicht nur Export-Europameister, es ist auch Europameister der Lohnzurückhaltung: Nirgendwo in der Europäischen Union (EU) sind die Bruttolöhne und -gehälter in den vergangenen zehn Jahren so langsam gestiegen wie in Deutschland. Sie erhöhten sich bis zum ersten Quartal 2010 gegenüber dem Jahr 2000 lediglich um 21,8 Prozent – in der EU insgesamt stiegen die Löhne dagegen um stattliche 35,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt gestern mitteilte. Da sich die deutsche Wirtschaft nach ihrem Absturz 2009 längst eindrucksvoll zurückgemeldet hat, plädieren Gewerkschaften, die meisten Ökonomen und selbst die Bundesregierung für ein Ende der Bescheidenheit.

Geringer Lohnzuwachs war im vergangenen Jahrzehnt ein Erfolgsgeheimnis der exportorientierten deutschen Industrie. Ihre Produkte blieben billig, während die der Konkurrenten teurer wurden. So gewann Deutschland weltweit Marktanteile, auch in Europa. Doch unlängst wurde Deutschlands Erfolg den Nachbarn zu bunt: Frankreich forderte Deutschland unmissverständlich auf, endlich wieder höhere Lohnabschlüsse zuzulassen, damit auch die EU-Partner ihre Produkte verkaufen könnten. Die Abnehmer deutscher Produkte könnten diese bald nicht mehr bezahlen, warnte Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde.

Auch aus Sicht des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger hat die deutsche Lohnzurückhaltung den anderen Ländern in Europa geschadet. "Ein Euro-Raum mit 16 Deutschlands wäre fatal: Dann würde die Euro-Wirtschaft insgesamt stagnieren", sagte Bofinger, Mitglied im Wirtschafts-Sachverständigenrat der Bundesregierung. Künftig müsse Deutschland den Partnern in der Euro-Zone bei der Lohnzurückhaltung den Vortritt lassen. Nur so ließe sich das immense außenwirtschaftliche Ungleichgewicht in Europa wieder beseitigen, eine der Hauptursachen der Euro-Krise.

Hinzu kommt der Aufschwung: Die deutsche Wirtschaft wird nach den Prognosen der meisten Banken im laufenden Jahr mit einer Rate von deutlich über drei Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen. Auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) denkt längst darüber nach, die Regierungsprognose für 2010 von derzeit noch 1,4 auf mindestens drei Prozent anzuheben. Er wäre damit fast bescheiden: Die Deutsche Bank erwartet derzeit 3,6 Prozent Wachstum im laufenden Jahr, die Dekabank geht aktuell von 3,4 Prozent aus.

Selten mischt sich die Bundesregierung in tarifpolitische Angelegenheiten, doch angesichts des starken Aufschwungs brach sie dieses Tabu: Nach Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte jetzt auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (beide CDU) offen Sympathie für höhere Lohnabschlüsse.

"Drei Prozent Lohnzuwachs ist eine vernünftige Marke", empfahl Bofinger. Ein Anstieg der Löhne und Gehälter "um 2,5 bis drei Prozent würde der Gesamtwirtschaft nicht schaden", sagte auch Dekabank-Ökonom Christian Melzer. Die deutsche Wirtschaft könne einen durchschnittlichen Lohnzuwachs in dieser Größenordnung problemlos verkraften.

Steigende Verdienste könnten die verfügbaren Einkommen und den privaten Konsum steigern, weil Beschäftigungsverluste derzeit nicht zu befürchten seien, sind die meisten Ökonomen überzeugt. "Wir müssen schauen, wie wir nicht nur im Export, sondern auch im Inland wieder erfolgreicher sein können", sagte Bofinger unserer Zeitung. "Höhere Lohnabschlüsse können ein Teil der Lösung sein."

Dumm nur für viele Einzelgewerkschaften, dass bei ihnen Tarifrunden momentan gar nicht anstehen. Der laufende Tarifvertrag für die Metallindustrie etwa wird erst 2012 auslaufen – wenn womöglich schon wieder der nächste Abschwung ins Haus steht. Lediglich für die 85 000 Beschäftigten der nordwestdeutschen Stahlbranche finden derzeit Tarifverhandlungen statt, die IG Metall hat sechs Prozent mehr Lohn gefordert.

Auch im öffentlichen Dienst beginnt Ende des Jahres die neue Tarifrunde. Deutlich höhere Löhne wird die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aber kaum durchsetzen können: Die Produktivität der Staatsdiener nimmt kaum zu – und der Staat muss unbedingt sparen.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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