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Bochum: Cromme lehnt Verantwortung ab

VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 21.01.2012 - 02:30

Bochum (RP). Auf der Hauptversammlung greifen die ThyssenKrupp-Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat hart an. Grund sind die immer neuen Milliarden, die ein vermurkster Stahlwerk-Neubau in Brasilien verschlingt. Aber die erste Reihe des Konzerns lehnt die Verantwortung ab – bis auf eine Ausnahme.

Es bleibt wohl dabei: Außer dem ehemaligen Konzernchef Ekkehard Schulz will bei ThyssenKrupp niemand freiwillig Verantwortung für das Milliarden-Debakel übernehmen, mit dem der einst so erfolgreiche Dax-Konzern im November seine Anteilseigner schockiert hat. Das Drängen von Aktionären auf persönliche Konsequenzen der Aufsichtsräte ("Herr Cromme, treten Sie zurück") wies Chef-Kontrolleur Gerhard Cromme gestern bei der Hauptversammlung in Bochum zurück: Eine von ThyssenKrupp beauftragte rechtliche Überprüfung habe "keine Anhaltspunkte für Sorgfaltspflichtverletzungen von Vorstand und Aufsichtsrat" ergeben, so Cromme.

Schulz hingegen hatte Ende Dezember sein Mandat im Aufsichtsrat niedergelegt und gegenüber dem Handelsblatt Fehler eingeräumt: Er habe zu lange den Falschen vertraut, "die mir die Lage geschönt dargestellt haben", sagte der Manager. Vor allem wegen dramatischer Kostenüberschreitungen und technischen Pannen beim Bau eines neuen Stahlwerkes in Brasilien musste ThyssenKrupp kürzlich fast drei Milliarden Euro abschreiben und einen Verlust von fast zwei Milliarden Euro bekanntgeben.

Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung institutioneller Privatanleger kritisierte, dass ThyssenKrupp das Entlastungs-Gutachten nur in Auszügen veröffentlicht hat. "Wenn wir Aktionäre das Gutachten bezahlt haben, dann wollen wir es auch lesen", sagte der Aktionärsvertreter. Hansgeorg Martius von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger verwies darauf, dass sich die Vorstandsbezüge inklusive Boni und Tantiemen trotz des Brasilien-Debakels kaum verändert hätten und fragte: "Warum merkt der Vorstand so was nicht auch im eigenen Portemonnaie?" Markus Dufner vom Dachverband der kritischen Aktionäre und Aktionärinnen stellte den Antrag, Cromme die Entlastung zu verweigern – ohne Erfolg. Vorstand und Aufsichtsrat wurden ausnahmslos in Einzelabstimmung mit deutlicher Mehrheit entlastet.

Cromme, der Schulz bei der Hauptversammlung vor einem Jahr noch mit großem Lob aus dem Vorstandsvorsitz verabschiedet hatte, verlas gestern eine Art Ehrenerklärung für Schulz: "Seine großen Verdienste in der rund vierzigjährigen Tätigkeit für den Konzern habe ich in der letzten Hauptversammlung ausführlich erläutert, sie bestehen unverändert fort", sagte Cromme. "Etwas knapp", hieß es dazu im Saal, "und etwas spät."

Schulz' Nachfolger Heinrich Hiesinger bemühte sich in seiner Rede um den Blick nach vorn. Vor einem Jahr angetreten, die Technologie-Sparte auszubauen und ThyssenKrupp so weniger abhängig von der konjunkturabhängigen Stahlsparte zu machen, räumte er gestern ein: "Wir sind bei Investitionen eingeschränkt." Angesichts der Probleme in Brasilien könne der Konzern derzeit nur das Notwendige finanzieren, um keine Marktanteile zu verlieren. Eine Verbesserung in Brasilien sei erst im zweiten Halbjahr des Geschäftsjahres zu erwarten. "Insgesamt erwarten wir daher auch im laufenden Geschäftsjahr ein deutlich negatives Ergebnis für Steel Americas", kündigte Hiesinger an.

Obwohl das Geschäftsjahr bei ThyssenKrupp schon am 30. September endet, blieb Hiesinger den Aktionären die übliche Gewinnprognose für 2010/12 schuldig. Es sei "nicht verlässlich absehbar, wie sich die Wirtschaft in Deutschland, Europa und der Welt in den kommenden Monaten entwickelt", begründete er seine Vorsicht. Erst müsse die Schuldenkrise in Europa gelöst werden. "Erst dann können wir wieder verlässlich planen und klare Prognosen abgeben", so Hiesinger.

Quelle: RP


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