Wulff: In einem Jahr ist alles vergessen
VON MARTIN KESSLER UND EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 09.01.2012 - 02:30Berlin Bundespräsident Christian Wulff will die Kritik an seinen Krediten und den Drohanrufen bei Medien ohne Rücktritt überstehen. Beim Neujahrsempfang für seine Mitarbeiter im Präsidialamt zeigte sich das Staatsoberhaupt zuversichtlich, dass die Wahrnehmung seiner Arbeit schon in einem Jahr eine völlig andere sein wird. "In einem Jahr ist alles vergessen", zitiert ihn die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf seine Beamten. Er gehe davon aus, so hieß es weiter, dass "dieses Stahlgewitter bald vorbei ist". Der Ausdruck bezieht sich auf ein Buch des Schriftstellers Ernst Jünger über die Schlachten des Ersten Weltkriegs. Wulff sagte zudem, er wolle das Amt nach dem Abgang seines Vorgängers Köhler nicht durch einen zweiten Rücktritt in kurzer Zeit belasten.
Zugleich dementierten Koalitionspolitiker Berichte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und unserer Zeitung über Planspiele der drei Parteivorsitzenden von CDU, CSU und FDP im Falle eines Rücktritts von Wulff. Beide Zeitungen hatten übereinstimmend berichtet, dass Angela Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Philipp Rösler (FDP) sich schon vor Tagen darauf verständigt hätten, einen gemeinsamen Kandidaten zu präsentieren, der auch bei den Oppositionsparteien SPD und Grüne Anklang fände. Merkel ließ über ihren Sprecher ausrichten: "Natürlich steht die Bundeskanzlerin mit dem Vizekanzler Rösler in permanentem engen Kontakt. Sie sieht aber keine Veranlassung, über eine Nachfolge für den Bundespräsidenten zu sprechen." Das mögliche Vorgehen im Falle eines Rücktritts erfuhr unsere Zeitung von mehreren hochrangigen Koalitionspolitikern.
Unterdessen gab es neue Details in der Kredit- und Medienaffäre. So habe laut "Spiegel" der Bundespräsident nicht nur dem "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, sondern auch Springer-Chef Matthias Döpfner mit strafrechtlichen Konsequenzen gedroht. Zugleich veröffentlichte das Magazin den Wortlaut der Nachricht des Präsidenten auf der Mailbox des Chefredakteurs. Sie enthält die Bitte um Aufschub wie auch die Drohung mit Strafanzeigen.
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier erklärte: "Merkel muss sich endlich zu der Bewertung durchringen, ob Wulffs Präsidentschaft für weitere dreieinhalb Jahre hält." Die Linke verlangte ein Amtsenthebungsverfahren. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hat dem Bundespräsidenten persönliche Motive für sein Festhalten am Amt vorgeworfen. "Diesem Präsidenten geht es anscheinend nur um seine Befindlichkeit", sagte Künast unserer Zeitung. "Es ist ein echtes Trauerspiel, wie er mit der Wahrheit und dem Amt umgeht", betonte sie. Versöhnlicher zeigte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel. Er bot Merkel im Fall eines Wulff-Rücktritts Gespräche über einen neuen Kandidaten an.
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