Tunesien brennt – Präsident flieht
zuletzt aktualisiert: 15.01.2011 - 02:30Die gewaltsamen Unruhen im nordafrikanischen Urlaubsland haben den seit 1987 regierenden Staatschef Ben Ali aus Tunesien vertrieben. Der zuvor von ihm entlassene Ministerpräsident übernimmt vorläufig das höchste Amt.
Tunis (RP) Tunesiens Präsident Zine el-Abidine Ben Ali hat nach den tagelangen gewaltsamen Protesten sein Amt aufgegeben und das Land mit dem mutmaßlichen Ziel Paris verlassen. Sein vorläufiger Nachfolger, der von Ben Ali zuvor entlassene Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi, erklärte im Staatsfernsehen, er habe die Macht übernommen. Er werde die Verfassung respektieren und die Stabilität im Land wiederherstellen, sagte Ghannouchi. Zugleich werde er die angekündigten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen umsetzen. Der Präsident sei derzeit nicht in der Lage, sein Amt auszuüben, sagte Ghannouchi.
Zuvor waren trotz einer Rückzugsankündigung Ben Alis am Vorabend im Fernsehen die Demonstrationen unvermindert weitergegangen. Auch die Entlassung der Regierung und Ben Alis Ankündigung, binnen sechs Monaten Parlamentswahlen abzuhalten, beruhigte die Lage nicht. In der Hauptstadt Tunis ging die Polizei äußerst hart gegen Demonstranten vor. Es fielen Schüsse.
Vor seiner Flucht verhängte Ben Ali den Ausnahmezustand. Beobachter sprachen von einer faktischen Machtübernahme des Militärs. Soldaten riegelten den internationalen Flughafen in Tunis ab.
Augenzeugen berichten, dass gestern Nachmittag Hunderte von aufgebrachten Jugendlichen in Tunis in den Prominenten-Vorort Gammarth gezogen waren und dort systematisch Anwesen der Familie Trabelsi angriffen. Leila Trabelsi ist die Ehefrau von Ben Ali. Dem Trabelsi-Clan werden hemmungslose Bereicherung und Korruption vorgeworfen. Die Wut, die sich offensichtlich gegen ihn und seine Familie richtete, dürfte Ben Ali zu seiner überstürzten Abreise veranlasst haben. Angeblich soll sich der Kapitän der Flucht-Jets geweigert haben, Angehörige des Trabelsi-Clans an Bord zu nehmen.
Die Unruhen hatten zuletzt die Touristenorte an der Küste erreicht. Nach offiziellen Angaben sollen 23 Menschen ums Leben gekommen sein. Die Opposition geht indes von mehr als 60 Opfern aus.
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