Prügel-Prozess um Elfjährige alarmiert Politik
VON PHILIPP COENEN UND GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 14.05.2009 - 02:30MÖNCHENGLADBACH Die Klassenlehrerin erklärte vor Gericht, sie habe von den Misshandlungen nichts bemerkt, obwohl das Mädchen ein großes Pflaster am Auge trug. Der Vater hatte dem Kind schwere Gesichtsverletzungen mit der Faust zugefügt und es durch Tritte und Schläge mit einer Eisenstange malträtiert. Nachdem Hilfe ausblieb, nahm das Kind schließlich allen Mut zusammen und zeigte den Vater bei der Polizei an. Der Fall löste jetzt eine Debatte über den Kinderschutz in NRW aus.
Schulministerin Barbara Sommer erklärte, sie könne "den Mut des Mädchens nur bewundern". Die CDU-Politikerin forderte von den Schulen eine Kultur des Hinsehens. Erste Ansprechpartner seien dabei die Lehrer. "Sie verfolgen die Entwicklung eines jungen Menschen über einen längeren Zeitraum. Häufig senden junge Menschen, die in einer persönlichen Konfliktsituation sind, Signale aus", sagte Sommer. "Diese Signale müssen wir erkennen und ernst nehmen." Jugendminister Armin Laschet (CDU) verwies auf das Handlungskonzept der Landesregierung für einen besseren Kinderschutz in NRW. Dazu gehöre, dass NRW für pädagogische Fachkräfte eine Qualifizierung zur Kinderschutzfachkraft eingeführt habe. "Die fortgebildeten Erzieher erkennen Anzeichen von Verwahlosung und Misshandlung und können frühzeitig zum Schutz der Kinder eingreifen."
Das NRW-Gesundheitsministerium kündigte an, im Sommer werde ein Datennetzwerk zum Kinderschutz in Betrieb genommen. Das System vernetzt die Daten von Jugend- und Gesundheitsämtern. "Die Kinderärzte müssen nachhalten, welche Eltern ihre Kinder regelmäßig untersuchen lassen", erklärte ein Sprecher: "Diese Daten werden dem Jugendamt übermittelt, das so säumige Eltern ermitteln und nach den Ursachen forschen kann."
Sylvia Löhrmann, Fraktionschefin der Grünen im Landtag, erklärte, das elfjährige Mädchen habe einen Preis für aufrechten Gang verdient. Britta Altenkamp, jugendpolitische Sprecherin der SPD im Landtag, sagte, der Kinder- und Jugendschutz sei in vielen Kommunen unterfinanziert. "Präventionsmaßnahmen sind bislang eine freiwillige Aufgabe", sagte Altenkamp, "sie müssen verpflichtend werden." Investitionen in den Vorsorgebereich würden sich auszahlen. "Die Ausgaben für Erziehungshilfen gehen in Muster-Kommunen wie Dormagen nachweislich zurück", erklärte sie.
Dem verurteilten Vater war das Sorgerecht für seine Kinder zugeteilt worden, da seine Ex-Frau drogenabhängig war und die Kinder verwahrlosen ließ.
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