Dioxin-Schweinefleisch vermutlich im Handel
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 13.01.2011 - 02:30Die Verbraucher in Deutschland haben möglicherweise doch schon dioxinverseuchtes Schweinefleisch zubereitet und gegessen. Von dem Hof in Verden (Niedersachsen), auf dem überhöhte Dioxin-Werte festgestellt worden waren, ist Fleisch von 150 geschlachteten Tieren bereits vor Jahresende an Kühlhäuser in Sachsen-Anhalt geliefert worden. Der weitere Verbleib war den Behörden gestern nicht bekannt. Am Tag zuvor hatte die Regierung in Hannover versichert, dass kein Dioxin-Fleisch in den Handel gekommen sei.
Auch in Bayern könnte belastetes Fleisch verbreitet worden sein. So sollen 400 Schweine aus einem inzwischen gesperrten Betrieb in Sachsen-Anhalt in Bayern geschlachtet und das Fleisch bereits verkauft worden sein. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) forderte namentlich Niedersachsen auf, belastete Produkte von gesperrten Höfen unverzüglich vom Markt zu nehmen. "Darauf bestehe ich", sagte Aigner.
Die in Bedrängnis geratene Ministerin kündigte an, in Gesprächen mit den Ländern in der nächsten Woche die gesamte Futtermittelkette auf den Prüfstand zu stellen. Ihren Aktionsplan wolle sie zudem am 24. November im EU-Agrarrat vorstellen.
Die Grünen forderten den Rücktritt Aigners. Die Ministerin sei ein "Totalausfall", kritisierte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast zum Auftakt einer Grünen-Klausur in Weimar. Die CSU-Politikerin weiche vor "Profitgier" und "Lobby-Interessen" und traue sich nicht, den Kampf gegen bestimmte Interessengruppen aufzunehmen.
Aigner nannte diese Vorwürfe "einfach absurd". Sie habe die ersten Initiativen vorgestellt, sich mit der EU eng abgestimmt, und auf ihre Veranlassung träfen sich nun auch die Länderagrarminister. "Es ist alles wunderbar gelaufen", sagte Aigner vor der Presse in Berlin.
"Es ist keineswegs wunderbar gelaufen", widersprach Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn. Aigner habe "überhaupt keine tragfähige Lösung" vorgelegt. Von ihren sieben Vorschlägen betreffe nur ein einziger das eigene Haus. "Wir kennen Frau Aigner als Ankündigungsministerin. Jetzt ist sie nur hinterhergelaufen, deshalb ist die Rücktrittsforderung berechtigt", unterstrich Höhn im Gespräch mit unserer Zeitung.
Auch die erste FDP-Politikerin ging auf Distanz. Die bayerische FDP-Generalsekretärin Miriam Gruß forderte von Aigner und den beteiligten drei bayerischen CSU-Landesministern ein "abgestimmtes Konzept". Die Forderungen nach Schwerpunktstaatsanwaltschaften und der Klärung von Haftungsfragen griffen zu spät.
Am Abend wurde bekannt, dass der im Zentrum des Dioxin-Skandals stehende Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch Insolvenz beantragt hat. Damit schwindet die Hoffnung der Landwirte, Entschädigungen zu bekommen.
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