Wie die WM die Wirtschaft anschiebt
VON THORSTEN BREITKOPF - zuletzt aktualisiert: 14.06.2010 - 02:30Seit Jahren beschäftigen sich Wirtschaftswissenschaftler nur mit traurigen Themen wie Finanzkrise oder Euro-Absturz. Die Sehnsucht war groß, sich endlich mal einem "schönen Thema" widmen zu können. Da kommt die Fußball-WM wie gerufen. Dutzende Studien beschäftigen sich mit der Frage: Was bringt die Weltmeisterschaft ökonomisch?
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat die deutsche Wirtschaft bereits als "Gewinner" der Fußball-WM ausgerufen. Deutsche Unternehmen hätten bisher Aufträge für insgesamt 1,5 Milliarden Euro eingeworben. Dadurch seien rund 15 000 Arbeitsplätze in Deutschland und Südafrika gesichert und neu geschaffen worden. Eine Studie der Postbank stützt diese These. Um 40 Milliarden Rand (3,7 Milliarden Euro) sei Südafrikas Wirtschaft durch die Fußball-WM gewachsen, heißt es, und davon profitiere vor allem Deutschland. An vier der zehn Fußballstadien hätten deutsche Architekten maßgeblich mitgebaut.
Wichtiger für Deutschlands Binnenkonjunktur ist aber nach Ansicht vieler Volkswirte der "Sommermärchen-Effekt". Die WM 2006 im eigenen Lande habe einen "Wandel in der Fußballerlebniskultur" bewirkt. Statt zuhause vorm Fernseher mit Billigbier aus dem Supermarkt die WM zu verfolgen, gingen die Deutschen zu Fan-Meilen, Public Viewings und in Kneipen. Ein Effekt: Die Fans geben ein Vielfaches von dem aus, was früher üblich war.
Das funktioniert auch diesmal. Südafrika ist so weit weg, dass nur wenige selbst zur WM fliegen, und deshalb geben viele Fußballbegeisterte ihr Geld in Deutschland aus. Als Profiteure machen Analysten "ortsansässige Kleinunternehmer" wie Getränkelieferanten oder Metzger aus. Deutlich messbar ist ein Anstieg der Verkäufe von Fernsehgeräten bei jeder WM, wie die Unternehmensberatung Deloitte erklärt. Dazu kommen Verkäufer von Flaggen, Fähnchen, Tröten und sonstigen schwarz-rot-goldenen Fußball-Devotionalien. Die Postbank beziffert den zusätzlichen Umsatz durch mehr und teureren Konsum in Deutschland auf eine Milliarde Euro.
Abseits solcher Ergebnisse gibt es auch skurrile Untersuchungen. So hat beispielsweise Hein Schotsman, Volkswirt der niederländischen Bank ABN-Amro, herausgefunden, dass es für die Weltwirtschaft am besten wäre, wenn Deutschland die WM gewänne. Ein Sieg würde durch Euphorie zu mehr Konsum und mehr Wachstum führen. Leitsatz: Je größer das Land, um so größer der Schub für die Weltwirtschaft. Und da die Amerikaner ohnehin schon zu viel konsumierten, fiel die Wahl auf Deutschland.
Glaubt man Thomas Straubhaar, dem Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, wird es indes keinen deutschen Triumph geben. Seine These: Länder, deren Währungen in den Monaten vor einem Turnier stark abwerteten, haben keine Chancen auf den Titel. Nur so seien die deutschen Siege von 1974 im eigenen Land und 1990 in Italien erklärbar. Danach sind alle Länder der Eurozone jetzt chancenlos, nachdem die europäische Gemeinschaftswährung in den vergangenen Wochen stark an Wert verloren hat. Die Schweizer Großbank UBS wiederum hat in einer mehr als 40-seitigen Studie mathematisch ermittelt, dass "mindestens eine Überraschungsmannschaft ins Halbfinale kommt" und Brasilien Weltmeister werden "könnte". Zu ähnlichen Prognosen kommt die Investmentbank Goldman Sachs auf sogar 76 Seiten.
Ob Pseudowissenschaft oder nicht – die Weltmeisterschaft wird positive Effekte auf Deutschland haben, darin sind sich die Ökonomen weitgehend einig. "Fußball sorgt für Euphorie, und wer euphorisch ist, der konsumiert, ohne darüber nachzudenken", sagt Oliver Koppel, Volkswirt beim Institut der Deutschen Wirtschaft.
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