Stahl kennt keinen Leerlauf
VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 31.07.2010 - 02:30Linda Stahl kommt aus Westfalen. Aus Ostwestfalen, wie sie betont. Und alle Eigenschaften, die den Westfalen nachgesagt werden, fänden sich bei den Ostwestfalen in noch ausgeprägterer Varian-te, erklärt sie. Bei der Europameisterin im Speerwerfen fällt Helge Zöllkau, ihr Trainer beim TSV Bayer Leverkusen, die Zielstrebigkeit und Entschlossenheit auf. Sie selbst spricht schlicht von Sturheit.
Als sie in der Handball-C-Jugend daheim in Blomberg nicht mehr klarkam, wechselte sie zur Leichtathletik. "Ich bin mehr Einzelkämpferin als Mannschaftssportlerin", hatte sie erkannt. Und als ihr Freunde und Familie sagten, Leistungssport und ein Medizinstudium bekomme sie niemals unter einen Hut, sagte sie: "Denen werde ich es zeigen." Tat sie.
Gestern Abend erhielt Linda Stahl ihre Goldmedaille, Schwarz-Rot-Gold flatterte für sie am Himmel über Barcelona, und die Hymne erklang. Lohn für die 66,81 Meter. Für den Sieg über Ex-Europarekordlerin Christina Obergföll, Olympiasiegerin Barbora Spotakova und ihre Vereinskameradin Katharina Molitor.
Und im Studium läuft's auch perfekt für Stahl. Im Trainingslager in Kienbaum erhielt sie die Nachricht, dass sie im achten Semester an der Uni Köln alle Prüfungen bestanden habe. Anschließend auf dem Flug nach Barcelona vertiefte sie sich gleich wieder in Unterlagen für das Fach Pharmakologie. Leerlauf kennt sie nicht.
Der Fahrplan für die Olympischen Spiele 2012 liegt schon bereit. Dem praktischen Jahr im Krankenhaus zieht sie die Doktorarbeit vor. Alles geplant, alles gut strukturiert und organisiert. Für sie gilt der Grundsatz "Erst das Studium, dann der Sport". Bodenständig nennt man so etwas. Sie spricht nicht viel, gebraucht keine langen Sätze. So sind sie, die Westfalen.
Wie anders wirkt dagegen doch die Mannheimerin Verena Sailer, die andere Europameisterin des Donnerstagabends, die auch 24 Jahre alt ist und ebenfalls zum ersten Mal ihren großen Auftritt auf der internationalen Bühne hat! Allein äußerlich: Hier die dunkelhaarige Stahl, 1,75 Meter groß, 72 Kilo schwer, da die blonde, feingliedrige Bayerin Sailer, 57 Kilo auf 1,66 Meter verteilt.
Dass der Sport für sie vorgehe, betont die Sprinterin, die sich im Finale über 100 Meter mit hauchdünnem Vorsprung durchsetzen konnte. Das Fernstudium im Fach Sportmanagement hat sie für diesen Sommer auf Eis gelegt. Wo es denn mal hingehen soll nach dem Abschluss, kann sie auch noch nicht sagen. Im Umgang mit der Öffentlichkeit wirkt sie unsicher. "Man muss mit seinen Aufgaben wachsen", sagt sie mit Blick auf den Interview-Marathon. Dass sie mit Tobias Scherbarth, dem verletzten Leverkusener Stabhochspringer, zusammen ist, will sie lieber nicht veröffentlicht wissen. Dabei stand das vor Tagen schon im Berliner Boulevardblatt "B.Z.". Es ist nicht leicht, wenn man von der Öffentlichkeit vereinnahmt wird.
Und was soll man machen, wenn abends nach dem Rennen Marlies Göhr, dreimalige Europameisterin aus Zeiten des DDR-Staatsdopings, auf einen zuläuft, einen umarmt und gleich so tut, als ob man sich seit Jahren kenne? Wie soll man antworten, wenn man gefragt wird, ob es angenehm ist, nun mit der überführten Katrin Krabbe in einem Atemzug genannt zu werden, weil man 20 Jahre nach ihr als erste Deutsche wieder Sprint-Gold geholt hat? "So ist es nun einmal", sagt sie, "ich kann halt nichts daran ändern."
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