Mönchengladbach: Rivalität eint Gladbach und Köln
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 09.04.2011 - 02:30Mönchengladbach (RP). Aus Sicht der Fans sind sie größte Konkurrenten, doch verbindet die Traditionsklubs vieles: In der ewigen Tabelle rangieren sie nebeneinander, Borussias Meistertrainer Weisweiler war sogar Kölner. Mit einem Derbysieg morgen könnte der FC die Gladbacher dem Abstieg nahe bringen.
Unromantische Menschen sagen, das Derby Gladbach gegen Köln sei auch nur ein Fußballspiel, in dem es um drei Punkte geht. Solche Menschen haben kein Gefühl für den Fußball, sie spüren nicht seine Tiefe. Gladbach gegen Köln, "dat is Jeföhl". Eines zwischen Hass und Liebe, denn nur wer liebt, kann auch hassen. Superhelden brauchen ja auch Super-Schurken: Ohne Lex Luthor ist Superman überflüssig, ohne den Joker braucht es keinen Batman. Gladbach braucht Köln, und Köln braucht Gladbach. Als Projektionsfläche, als Kontrapunkt, als Feindbild. Eines der inoffiziellen Saisonziele beider Klubs ist immer, vor dem anderen zu stehen.
Aber es ist wie immer mit dem Alter Ego: Man ist sich auch gleich. In der ewigen Tabelle der Bundesliga logieren die Rivalen in engster Nachbarschaft: Gladbach ist Sechster, Köln Siebter. Beide haben eine ruhmreiche Geschichte, die immer ein verzerrtes Modell ist für eine bessere Zukunft. Wie sehr beide auf der Suche sind nach dem richtigen Weg, zeigt die Zahl der verschlissenen Trainer. Lucien Favre und Frank Schäfer, die während der Saison Michael Frontzeck und Zvonimir Soldo ablösten, sind der jeweils elfte Coach in zehn Jahren. "Unruhe" ist die Vokabel, die den 1. FC am besten definiert, "Diskontinuität" die Gladbacher, raus kommt dasselbe: Köln musste schon viermal in die Zweite Liga, die Borussen stehen dicht vor Abstieg Nummer drei.
Die rheinischen Traditionsklubs sind Fahrstuhlmannschaften geworden. In vergangenen Zeiten gab es die beiden großen Anführer: Netzer in Gladbach, Overath in Köln. Beide hatten die "10", und beide waren die Sinngeber ihrer Teams. Einer, der dem Derby eine besondere Note gegeben hat, war Hennes Weisweiler. Borussias Meistertrainer war Kölner und Dozent an der Sporthochschule.
Das ist die große Ironie der Geschichte: Ein Kölner mit Herz und Seele verkörpert den Geist Borussias, er war der Vater der Fohlen, begründete all das, was den Mythos Borussia heute ausmacht. Nach Derby-Siegen stolzierte Weisweiler wie ein Pfau dauergrinsend durch die universitären Gänge. Aber wehe, Borussia verlor: "Dann war die Woche furchtbar. Weisweiler war dann nicht zu ertragen, die ganze Stadt war sauer. Umgekehrt war es ein Traum, wenn wir – wie so oft – gewonnen hatten. Dann gab es sogar trainingsfrei vom alten Hennes", erinnert sich Wolfgang Kleff.
Der Torwart war einer der Hauptdarsteller beim Pokalfinale 1973 im Düsseldorfer Rheinstadion. Das Spiel ist eine Legende: das intensive Hin und Her bei großer Hitze, Wimmers 1:0, Neumanns 1:1, Netzers Selbsteinwechslung, sein Siegtor in der Verlängerung. Für Borussias Fans ist dies die "Mutter aller Derbys", für die Kölner ein ewiges Trauma. 1978 gab es ein Fern-Derby, das Köln gewann: Beim Saisonfinale siegte der Effzee 5:0 beim FC Pauli, machte damit Borussias 12:0 gegen Dortmund wertlos und wurde Meister. Zweimal standen sich die Konkurrenten im Uefa-Cup gegenüber, zweimal kam Borussia weiter.
All das scheint Lichtjahre her zu sein. Der Glanz ist vergangen. Das Treffen der rheinischen Rivalen ist immer mehr zu einem Existenzkampf geworden. Dieses Mal stehen die Gladbacher am Abgrund. Die Kölner, die sich mit sieben Heimsiegen am Stück aus dem Schlamassel gezogen haben, können sogar einen vorentscheidenden Stupser geben und den hassgeliebten Konkurrenten zum Zwischenligisten machen, der für den Rest der Saison nur noch seinen Ausstand aus der Bundesliga gibt, nicht aber ernsthaft mitmachen darf im Abstiegskampf.
Das Wort "Kampf" beschreibt auch, was in den vergangenen Jahren am Rande der Derbys passierte. "Früher gab es nur die sportliche Rivalität auf dem Platz", erinnert sich Bernd Rupp, der in den 70er Jahren Borusse und Geißbock war. Nun aber gibt es sogar Superlative der Aggressionsverhinderung: 2000 Polizisten bewachten das Derby 2009, Wasserwerfer wurden aufgeboten, der Borussia-Park glich einer militärischen Hochsicherheitszone, ein stadtweites Alkoholverbot wurde in Gladbach erlassen. Dieses Mal sind 1000 Ordnungshüter im Einsatz, in den Tagen vor dem Spiel gab es eine Sicherheitskonferenz nach der anderen, um morgen Ruhe und Ordnung zu bewahren.
Was die Borussen sportlich gebrauchen könnten, um wenigstens die theoretische Minimalchance auf ein gutes Ende zu wahren, wäre einer wie Martin Max. Oder Peter Wynhoff. Oder Arie van Lent. Sie alle trafen früher besonders gern gegen Köln. 2002 beim 4:0-Heimerfolg schoss Arie van Lent binnen 14 Minuten drei Tore. "Es gab Zeiten, da hatten die Kölner hatten richtig Angst vor uns", sagt Rainer Bonhof, Borussias Vizepräsident. Er spielte für Borussia und den 1. FC Köln. Wie Rupp, Toni Polster, Alexander Voigt oder Thomas Broich. "Et Jeföhl", gefühlt von der anderen Seite.
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