Reus vergibt die Siegchance
VON ANDRÉ SCHAHIDI - zuletzt aktualisiert: 06.02.2012 - 02:30Mönchengladbachs Torjäger lief auf Schlussmann Benaglio zu, traf den Ball aber nicht richtig. Für Borussia war mehr möglich als das 0:0 in Wolfsburg. Trainer Favre fordert von seinem Team ein intelligenteres Spiel.
Wolfsburg Marco Reus steht wie ein Häufchen Elend im Kabinentrakt. Seine dicke Winterjacke macht ihn doppelt so breit wie normal, der Blick schweift überall hin, nur nicht dorthin, wo die Fragen herkommen. Der 22-Jährige erklärt in noch leiserem Ton als gewöhnlich, warum er Borussia Mönchengladbach in Wolfsburg nicht zum Sieg geschossen hat. "Das ist eine hundertprozentige Chance, die ich machen muss", sagte Gladbachs Stürmer nach dem 0:0.
Bei eisigen Temperaturen, das Thermometer zeigte minus 13 Grad Celsius an, war es Reus, der in der 70. Minute den Gladbacher Höhenflug im Alleingang hätte fortsetzen müssen. Er lief auf Torhüter Benaglio zu, traf den Ball sieben Meter vor dem Tor jedoch völlig verkehrt. Die Kunststoffkugel flog in Richtung Eckfahne. Eine falsche Entscheidung. Stürmerkollege Mike Hanke war frei mitgelaufen. "Marco ist ein großer Spieler, von dem große Dinge erwartet werden", sagte Abwehrspieler Dante. "Manchmal sind es aber zu große."
Mehr denn je zeigte sich nämlich, wie wichtig Reus für die Gladbacher ist. Er lieferte vor allem nach der Pause eines seiner schlechteren Spiele in dieser Saison ab – und das wirkte sich im kompletten Spiel seiner Kollegen aus. Trotz der am Ende durchwachsenen Leistung gab es nach der Partie nur ganz wenige zufriedene Gesichter auf Seiten der Gladbacher. Sie wussten: Da war mehr drin. Vor allem in der ersten Hälfte, als Borussia das Auswärtsspiel wie eine Heimmannschaft dominierte und Pech hatte, weil ein Treffer von Hanke aufgrund einer vermeintlichen Abseitsstellung nicht gegeben wurde. Eine strittige Entscheidung. "Darüber rege ich mich nicht auf. Man kann es nicht ändern", sagte Lucien Favre.
Borussias Trainer konnte dafür mit Kritik an diesem Nachmittag überhaupt nichts anfangen. "Sind Sie verrückt?", antwortete er einem Fernsehreporter auf die Frage, ob das Unentschieden ein Rückschlag für seine Mannschaft sei. "Wir können mit diesem Punkt sehr gut leben. Aus den ersten drei Spielen haben wir sieben Punkte geholt. Das macht mich hochzufrieden." Das kann Favre auch sein. Unterm Strich steht nämlich der 40. Punkt in der Saison – womit das erste Saisonziel, der Nichtabstieg, bereits nach 20 Spieltagen erreicht ist.
Während Sportdirektor Max Eberl nun als nächstes Etappenziel allerhöchstens die Heimfahrt per Zug nach Hause ausgeben wollte, sprach Dante etwas deutlichere Worte. "Jetzt dürfen wir auch wirklich weiter nach vorne gucken", sagte der Brasilianer. "Platz eins oder zwei ist kein Thema für mich. Aber interessant ist, was um uns herum passiert. Der Abstand zu Platz fünf oder sieben ist wichtig."
Lucien Favre wollte sich nicht mit Träumereien beschäftigten. Er analysierte lieber das Spiel, die schwache zweite Hälfte zum Beispiel. "Da haben wir manchmal falsche Entscheidungen getroffen, auch wenn es schwer war, weil Wolfsburg sehr kompakt dagegengehalten hatte", sagte er. "Da müssen wir intelligenter spielen."
Eine Chance dazu hat seine Mannschaft bereits übermorgen, wenn es im Pokal bei Hertha BSC um den Halbfinaleinzug geht. "Es ist schlecht, dass Berlin schon wieder verloren hat, da wird der Druck für die jetzt noch größer", sagte Dante nach dem Spiel. "Aber vielleicht hat sich Marco sein Tor ja für Mittwoch aufgespart."
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