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Pfostenbruch kostete fast den Titel

zuletzt aktualisiert: 02.04.2011 - 02:30

Der Mönchengladbacher Stürmer Herbert Laumen riss am 3. April 1971 im Spiel gegen Werder Bremen ein Tor um. Das Spiel wurde abgebrochen und 2:0 gegen die Borussia gewertet. Die Meisterschaft gewannen sie trotzdem knapp. Herbert Laumen erinnert sich.

Mönchengladbach Herbert Laumen hat sein "Baby", wie er sagt, extra aus Borussias Archiv angefordert. Zum ersten Mal. Knapp 30 Zentimeter ist das Stück Holz lang, das mal ein Teil des berühmtesten Pfostens der deutschen Fußballgeschichte ist. Das eckige Ding ist sicher verpackt, und der heute 67-jährige Laumen, der mit diesem Pfosten auf besondere Weise verbunden ist, streicht fast liebevoll darüber. Viele Fußballer haben ihren Namen darauf geschrieben: Netzer, Vogts, die Heroen der großen Mönchengladbacher Zeit, die auch deswegen zur Legende geworden ist, weil so etwas passiert ist wie der Pfostenbruch an jenem 3. April 1971. Laumen, der in der entscheidenden Szene dieses Tages anstatt des Balles im Netz landete und das Tor damit zusammenbrechen ließ, erinnert sich im Gespräch mit Karsten Kellermann an eine der seltsamsten Begebenheiten der 48-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga.

Sie waren ein Stürmer. Und Stürmer haben dafür zu sorgen, dass Tore fallen. Sie haben das vor genau 40 Jahren sehr wörtlich genommen.

Laumen Das kann man so sagen. Man kann auch sagen, ich habe dafür gesorgt, dass die Aluminiumpfosten eingeführt wurden. Eine Firma aus Münster hat sich dafür sogar mal bei mir bedankt.

Was ist denn damals genau passiert in dieser 88. Minute am 3. April 1971?

Laumen Das habe ich schon tausendmal erzählt. Aber bitte: Günter Netzer schießt einen Freistoß von halbrechts. Ich gehe mit viel Anlauf zum Kopfball, aber der Bremer Torwart Günter Bernhard fängt den Ball weg und ich fliege mit Wucht ins Tornetz. Dann krachte es, und ich habe im Augenwinkel gesehen, dass die Torstange umfällt. Da habe ich mich weggeduckt. Schließlich waren die Holzbalken ja schwer. Schauen Sie (Laumen reicht das Holzstück herüber). Das Gelächter auf der Tribüne war groß.

Das Lachen ist den Leuten aber später erst mal vergangen ...

Laumen Allerdings. Wir haben versucht, das Tor für die letzten beiden Minuten wieder aufzustellen, aber es ging nicht. Und es war auch kein Ersatz-Tor da. Das hätte aber auch nichts gebracht, man hätte den Pfosten, der tief im Boden steckte, erst mal ausgraben müssen. Als das Tor umfiel, stand es 1:1 und wir sind alle davon ausgegangen, dass das Spiel wiederholt wird. Aber es wurde für uns mit 0:2 verloren gewertet. Das hat uns fast die Meisterschaft gekostet. Aber am letzten Spieltag haben wir dann 4:1 in Frankfurt gewonnen, und die Bayern haben in Duisburg verloren. Zum Glück.

Damals spielten Mönchengladbach und der FC Bayern München immer um die Meisterschaft. Heute tritt Borussia als Tabellenletzter beim FC Bayern an. Was soll dabei herauskommen?

Laumen Es ist ja leider so, dass die Bayern auch gewinnen müssen. Es wird für unsere Mannschaft total schwer. Wir haben nur eine Außenseiterchance.

Wie überhaupt im Abstiegskampf?

Laumen Ich sehe für uns nur noch die Chance, den Relegationsplatz zu schaffen. Wir haben einfach zu wenig Heimspiele gewonnen. Es ist kurios: Wir haben seit Jahren mal wieder viermal auswärts gewonnen und holen dann im eigenen Stadion zu wenig Punkte.

Macht Sie die Situation traurig?

Laumen Natürlich. Ich habe die große Zeit hier im Klub mitgemacht, jetzt arbeite ich als Traditionspfleger im Verein. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Team keine richtige Einheit ist. Die Jungs resignieren zu schnell, sie reißen kein Spiel herum. Und in den Spielen, wo mehr für uns drin ist, fehlt das Glück.

Als sie Spieler in Gladbach waren, haben Sie immer oben mitgespielt. Es heißt, wer oben steht, hat Glück. Stimmt das?

Laumen Auch da muss man sich das Glück erarbeiten. Das haben wir getan. Wir haben damals immer um den Titel mitgespielt, das war auch Druck, der auf uns lastete. Wir durften uns keine Ausrutscher erlauben. 1971, als das Spiel gegen Bremen gegen uns gewertet wurde, waren die Bayern wieder an uns dran. Und wir haben dann am vorletzten Spieltag mit 4:1 gegen Rot-Weiß Essen geführt, aber nur 4:3 gewonnen. Mit einem Tor mehr ist München einen Spieltag vor Schluss Erster gewesen. Am letzten Spieltag hatten wir Glück, dass Duisburg gegen die Bayern mit 2:0 gewann.

Nach der Saison 1970/71 sind Sie dann ausgerechnet zum SV Werder Bremen gewechselt.

Laumen Das stand schon vor dem Pfostenbruch fest. Die haben mich also nicht geholt, weil ich so umwerfend gespielt habe. Die Bremer hätten übrigens einer Wiederholung zugestimmt. Aber der Deutsche Fußball Bund das anders. Die Untersuchungskommission hatte den Strafraum wie einen Tatort abgesperrt.

Warum haben Sie Gladbach verlassen?

Laumen Das lag an Manager Helmut Grashoff. Ich wäre eigentlich gern in Gladbach geblieben, ich war ja seit der D-Jugend da. Ich war 27, also im besten Alter. Ich wollte vier Jahre verlängern, aber Grashoff fand, ich sei zu alt. Da war ich beleidigt und bin zu dem Verein gegangen, der am meisten zahlte. Es war ein Fehler. In Bremen hatte ich in der ersten Saison fünf Trainer. Verrückt.

Hätten Sie gedacht, dass Sie die Geschichte mit dem Pfosten 40 Jahre lange verfolgt?

Laumen Das hätte ich nie gedacht. Aber immerhin habe ich Fußball-Geschichte geschrieben. Schade nur, dass die Leute meine Karriere oft nur auf den Pfostenbruch reduzieren (schaut auf sein "Baby"). Ich war immerhin in sechs Jahren fünfmal Borussias erfolgreichster Torschütze.

Quelle: RP


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