Multitalent mit Temperament
VON ECKHARD CZEKALLA - zuletzt aktualisiert: 18.08.2009 - 02:30Jennifer Oeser gewann bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin trotz Sturz im 800-m-Rennen Silber im Siebenkampf. Die 25-Jährige rappelte sich 450 Meter vor dem Ziel auf und rannte zur erhofften Medaille.
Berlin. Es war eine Mischung aus Erschöpfung und Furcht, die Siebenkämpferin Jennifer Oeser daran hinderte, ihre Freude auszuleben, als nach dem 800-m-Lauf auf der Anzeigentafel ihr Name hinter der "2" aufgetaucht war. "Ich hatte Angst, einen Fehler gemacht zu haben. Vielleicht hatte ich ja die Bahn verlassen und wäre dann disqualifiziert worden", erinnert sich die 25-Jährige an die Augenblicke, als die Anstrengung nach dem 800-m-Lauf am Ende von zwei harten Arbeitstagen etwas abgeklungen war und sie nicht zu früh jubeln wollte.
Dabei schien nach dem Speerwurf alles perfekt zu laufen. In ihrer schwächsten Disziplin hatte die für Leverkusen startende Brunsbüttelerin mit 46,70 Meter überzeugt. Gut zwei Sekunden musste sie auf die Polin Mamila Chudzik gut machen. An den Titel war eh schon lange nicht mehr zu denken. Der gehörte ganz sicher der souveränen Britin Jessica Ennis. So sicher wie Oeser die Silbermedaille. Doch nach 350 Metern stürzte sie. Am Tag danach erzählt sie entspannt, zufrieden lächelnd von jenen Sekunden, in denen alles verloren schien. "Du musst nur durchlaufen", hatte ihr Trainer Karl-Heinz Düe vor dem Rennen gesagt. Ihre Antwort, "ich kann ja auch noch stürzen", registrierten wohl nur Pessimisten.
"Da hat mir wohl meine Ausbildung bei der Bundespolizei geholfen. Bei der Selbstverteidigung mussten wir Judorollen üben", erzählt Oeser, die nach dem unglücklichen Rempler ihrer eigenen Teamkollegin Julia Mächtig schnell wieder auf den Beinen war und dem Feld hinterher spurtete. "Ich dachte nur, das kann es doch jetzt nicht gewesen sein. Ich wollte eine Medaille. Es waren ja nur noch 450 Meter zur Erfüllung eines großen Traums. Die letzte Runde war dann Adrenalin pur", erzählt Oeser, deren Trainer vor allem ihre Pünktlichkeit und Konsequenz als Stärken bezeichnet.
Der Sturz lässt Oeser zu einer Geschichte dieser WM werden, lässt sie in Erinnerung bleiben. 30 000 US-Dollar kassiert sie. Viel Geld. "Natürlich schielt man etwas auf die Athleten, die in Einzeldisziplinen starten, die viele Sportfeste haben und Antrittsgeld bekommen", stellt die WM-Zweite ohne Anflug von Neid fest. Für die Mehrkämpferinnen gibt es in Götzis oder Ratingen mal eine Siegprämie, mehr aber nicht. Da ist es gut, wenn Arbeitgeber (Bundespolizei) und Verein (Bayer Leverkusen) ihr die Ausübung ihres Sports ermöglichen. Oeser ist froh, dass es den Siebenkampf gibt, denn in einer Einzeldisziplin hätte sie sich nicht für Berlin qualifiziert. "Wir können alles so ein bisschen. Das beherrscht auch nicht jeder", betont sie selbstbewusst, "und als Vizeweltmeisterin kann ich schon ein bisschen stolz sein."
6493 Punkte sammelte Oeser, lag damit klar hinter Ennis (6731) und knapp vor Chudzik (6471). 6500 Punkte sind möglich, denn der Sturz im 800-m-Lauf kostete Zeit und damit Punkte, auch wenn die Leverkusenerin wie um ihr Leben rannte. "Ich kann die Stimmung von den Rängen sehr gut auffangen", sagt Oeser. Sie hörte das Raunen bei ihrem Sturz, das dann während ihrer Aufholjagd in Jubel und Grölen überging. Und 7000 Punkte, die magische Marke? "Damit muss ich mich nicht beschäftigen, und da kann ich auch nicht hinblicken, um ehrlich zu sein", entgegnet sie erfrischend ehrlich.
Eine bleibende Erinnerung ist das Treffen mit Usain Bolt im Callroom, in dem die Athleten auf ihren Einsatz warten. "Er ging gerade zur Toilette und sah, wie wir uns aufs Speerwerfen vorbereiteten und die Wurfhaltung simulierten. Da hat er uns nachgeahmt. Wir haben ihn gefragt, ob er nicht gegen uns antreten will. Aber er hat abgelehnt. Es war sehr lustig", beschreibt Oeser die Begegnung mit einem Mann, der im Gegensatz zu den Mehrkämpferinnen nicht nur bei Großereignissen wahrgenommen wird.
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