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"Mein Favorit ist Wiener Walzer"

zuletzt aktualisiert: 02.07.2009 - 02:30

Hein Bollow (88) über das Derby am Sonntag, seine erfolgreiche Zeit als Jockey und Trainer sowie ein Treffen mit Loki Schmidt.

Köln Hein Bollow (88) zählt zu den populärsten Deutschen im Galoppsport. Der gebürtige Hamburger und Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse lebt in Köln und ist der Einzige, der als Jockey und Trainer mehr als 1000 Siege feierte. Er gewann viermal als Reiter und einmal als Trainer das Deutsche Derby.

Am Sonntag ist es 35 Jahre her, dass Sie zum letzten Mal das Derby gewonnen haben. Sind Sie aufgeregt, nach Hamburg zurückzukehren?

Bollow Ich habe seit 1936 alle Derbys besucht oder bin selbst mitgeritten. Nur 1945 musste ich aussetzen, weil ich in Kriegsgefangenschaft war. Aber ja, trotz alledem bin ich jedes Jahr aufs Neue aufgeregt.

Erinnern Sie sich an den ersten Sieg?

Bollow Natürlich, das war vor 56 Jahren. Ich hatte davor zwar schon viele Siege gefeiert. Aber nichts ist vergleichbar mit einem Erfolg in Hamburg. Das zu erleben ist ein Traum.

Dabei begann Ihre Erfolgsgeschichte in einer schwierigen Zeit. Sie haben die Gefangenschaft angesprochen.

Bollow Ostern 1936 begann ich eine Lehre in Hoppegarten. Damals fuhr ich mit einem Waggon voller Pferde von Berlin nach Hamburg zu einem Rennen. Am 6. Juni 1938 feierte ich den ersten Sieg, den zunächst letzten am 19. September 1944. Ich war Soldat, kämpfte in Ungarn an der Front und saß bis Oktober 1946 in französischer Gefangenschaft.

Schon damals wurden Sie als anpackend und strebsam beschrieben. Gleich im ersten Ritt nach der Freilassung folgte der nächste Sieg.

Bollow Für mich war die Arbeit mit Pferden immer das Wichtigste. Ich war ja nicht freiwillig im Krieg. Es war klar, dass ich wieder reiten würde. Ich war topfit, wog nur 45 Kilogramm und fuhr damals extra nach Frankfurt zu einem Rennen.

Wie war es damals, zu reiten?

Bollow Die Jahre während und nach dem Krieg waren schwierig. Teils sind wir nur zur Propaganda und ohne Publikum geritten. Ich erinnere mich, dass ich in Köln zu Fuß von Deutz zur Rennbahn lief, weil die Straßen zerstört waren. Dass ich 1957 zum Champions-Treffen nach Australien eingeladen wurde, war fast eine Sensation, weil wir nach dem Krieg nicht überall gerne gesehen waren. Doch mein Traum war das Reiten. Und den habe ich gelebt.

Vielleicht waren Sie deshalb so erfolgreich. Als Jockey gewannen Sie 1953, 1954, 1956 und 1962 das Derby. Auf wen wetten Sie am Sonntag?

Bollow Ich wette nur selten. Jeder, der wettet, ist nicht objektiv. Wenn dann ein anderes Pferd gewinnt, sind immer andere schuld.

Dann frage ich anders: Wer ist Ihr Favorit im 140. Deutschen Derby?

Bollow Mein Favorit ist Wiener Walzer. Aber auch Panyu und Saphir schätze ich hoch ein. Und dann ist da noch Bolivia, die für 50 000 Euro nachgemeldet wurde. Das macht normal nur, wer sich etwas erhofft. Aus Erfahrung sage ich, dass gewinnt, wer die größte Nervenstärke besitzt. Reiter, Pferd und Umgebung müssen zusammenspielen.

Hunderttausende sind jährlich in Horn. Was ist besonders am Derby?

Bollow Die Atmosphäre ist einmalig. Es gehört seit jeher zum guten Ton in Hamburg, dass man mindestens einmal im Leben dort gewesen sein muss. Man trifft sich, und es ist toll.

Früher aber noch mehr als heute.

Bollow Früher besuchten regelmäßig ranghohe Politiker die Rennen. Altkanzler Helmut Schmidt etwa kam häufig vorbei. Ich erinnere mich an einen Derbystart, vor dem plötzlich eine zierliche Frau auf mich zu kam und mir Glück wünschte. Erst beim zweiten Hinsehen bemerkte ich, dass es Loki war. Solche Erlebnisse sind inzwischen selten geworden.

Wie meinen Sie das?

Bollow Früher genoss der Sport hohes Ansehen. Große Rennen wurden im Fernsehen gezeigt. Ich war oft in TV-Sendungen, hatte Kontakt zum Showgeschäft. Die Top-Leute werden heute zu wenig wahrgenommen. Hier hat der Sport einen kolossalen Abstieg erfahren.

51 Jahre waren Sie aktiv im Galoppsport, haben sportlich alles erreicht. Wie oft sind Sie auf der Rennbahn?

Bollow Fast täglich. Ich wohne direkt an der Bahn, schaue mir die Pferde an und freue mich, Bekannte zu treffen. Leider leben viele Freunde von früher nicht mehr.

Was war das schönste Erlebnis?

Bollow Da gibt es viele. Ein Blick auf meine Pokale und Preise genügt. An jedem Stück hängt mindestens eine schöne Erinnerung.

Stefanie   Sandmeier stellte die Fragen.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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