Borussia Mönchengladbach: Gladbach verschärft HSV-Krise
VON ANDRÉ SCHAHIDI - zuletzt aktualisiert: 19.09.2011 - 02:30Mönchengladbach (RP). Gegen das streckenweise druckvolle Spiel der Borussen hatte der Tabellenletzte nichts entgegen zu setzen. Nach dem Kopfballtor von Igor de Carmargo zum 1:0 herrscht Endzeitstimmung bei den Hanseaten.
Hamburg Es gibt da so eine Uhr. Sie hängt im Hamburger Fußballstadion, an einer Brüstung in der Ecke zwischen Nordkurve und Haupttribüne. Die Uhr zeigt nicht die Tageszeit an, sie rechnet in Jahren, dokumentiert, seit wann der Hamburger Sportverein ununterbrochen in der Ersten Fußball-Bundesliga spielt. Ein Nachweis der Tradition. Doch auch Tradition ist vergänglich. Gut möglich, dass sich die Verantwortlichen für das Stadion, das nun schon seinen vierten Namen in zehn Jahren trägt, demnächst ein neues Deko-Element ausdenken müssen.
Denn als die Uhr am Samstagnachmittag 48 Jahre, 24 Tage, 23 Stunden und etwas über 53 Minuten anzeigte, traf Igor de Camargo mit seinem Kopfballtreffer ins Hamburger Herz. Der HSV, letztes niemals abgestiegenes Gründungsmitglied der Liga, steht nach der 0:1-Niederlage gegen das Überraschungsteam aus Mönchengladbach weiter mit einem Punkt auf dem letzten Platz. Endzeitstimmung.
Ausgerechnet ein ehemaliger Gladbacher stand sinnbildlich für den Niedergang des stolzen HSV, der über 90 Minuten erschreckend ungefährlich auftrat. Marcel Jansen spielte schlecht, schlug jede seiner Flanken weit ins Toraus. Und bediente sich nach dem Spiel aus einem beachtlichen Repertoire an Fäkalausdrücken. "Wenn wir wüssten, woran es liegt, würden wir es ändern", war eine der ganz wenigen druckreifen Aussagen des früheren Nationalspielers.
Zustände, die den Gästen aus Gladbach noch allzu bekannt vorkommen dürften. Denn die Parallelen zur Situation bei Borussia in der vergangenen Saison sind frappierend. Dazu gehört zum Beispiel die Ratlosigkeit, die Trainer Michael Oenning an den Tag legt. "Wir haben einen leicht zu verteidigenden Standard nicht bestanden", sagte Oenning zum Siegtreffer durch de Camargo. "So bricht uns der Boden unter den Füßen weg." Noch hält Sportdirektor Frank Arnesen öffentlich an dem Trainer fest, betont, dass Oenning auch in der kommenden Woche in Stuttgart auf der Bank sitze.
Der Auftritt seiner Mannschaft lieferte jedenfalls keine Argumente für den Joberhalt. Mönchengladbach reichte eine durch und durch mittelmäßige Leistung zum verdienten Sieg. War die erste Hälfte noch grauenvoll anzusehen, steigerte sich die Partie im zweiten Durchgang gehörig, weil Borussia jetzt mehr Druck machte und sich einige Chancen für Juan Arango und de Camargo herausspielte.
Hamburg, von Oenning extrem defensiv aufgestellt, setzte dem Treiben der Gäste nur vorübergehend etwas entgegen, als der Trainer in Heung-Min Son und Gökhan Töre zwei junge, schnelle Angreifer brachte. Ein Strohfeuer, das in Borussias Souveränität völlig verpuffte. Nur eine richtige Torchance verzeichnete der HSV in 90 Minuten. Viel zu wenig für ein Spiel, das zuvor als "extrem wichtig" bezeichnet wurde.
So war es Gladbachs Trainer Lucien Favre vorbehalten, im Namen seines Teams weiter auf die Euphoriebremse zu treten. "Unsere Spiele sind immer hartumkämpft", sagte der Coach, der dennoch bereits 13 Punkte und nur vier Gegentreffer nach sechs Spielen vorweisen kann.
Ob es dem Gegner denn überhaupt Spaß mache, gegen solch ein Abwehrbollwerk zu spielen, wurde Favre gefragt. Der Schweizer antwortete lapidar: "Das ist nicht mein Problem." Mit Problemen dieser Art müssen sich seine Kollegen in der Liga herumplagen. In Michael Oennings Fall stellt sich jedoch die Frage, wie lange noch? Die Traditions-Uhr im Hamburger Stadion, sie tickt gerade jedenfalls nicht für ihn.
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