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"Fleiß und Akribie sind deutsche Stärken"

zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 02:30

Heide Ecker-Rosendahl, Doppel-Olympiasiegerin 1972, wird 65 Jahre alt. Sie spricht über die deutsche Leichtathletik, über das Karriereende von Michael Ballack und Magdalena Neuner, über die vielen Bügeleisen, die sie gewonnen hat, und über ihre künstliche Hüfte.

Heide Ecker-Rosendahl, Sie mögen den Wintersport. Waren Sie schon auf einem der zugefrorenen Seen zum Schlittschuhlaufen?

Ecker Nein, ich habe eine künstliche Hüfte. Das ist mir zu gefährlich.

Ist das Hüftleiden Folge des Hochleistungssports?

Ecker Nicht direkt. Mein Vater hat beide Seiten gemacht bekommen. Bei uns in der Familie gibt es eine Veranlagung, und natürlich tut der Sport sein Übriges. Aber das Skifahren lasse ich mir nicht nehmen.

Skifahren war immer Ihre große Leidenschaft?

Ecker Ich liebe die Geschwindigkeit und die Aufgabe, mir die richtige Linie zu suchen. Im Alter von 14 oder 15 Jahren war ich mit dem Landessportbund mal in Oberjoch. Da habe ich wohl so einen guten Eindruck gemacht, dass man mich davon überzeugen wollte, alpinen Skisport zu betreiben. Doch die Entfernung von meinem Heimatort Radevormwald in die Alpen war zu groß. Zu Hause im Bergischen Land bin ich aber mal Westdeutsche Meisterin im Abfahrtslauf geworden.

Spätestens wenn man Doppel-Olympiasiegerin ist, erkennt man wohl, dass es richtig war, bei der Leichtathletik zu bleiben. Am Freitag (heute, 19 bis 21 Uhr bei Eurosport) findet das Hallenmeeting in Düsseldorf statt. Wo steht die deutsche Leichtathletik ein halbes Jahr vor den Spielen in London?

Ecker Bei der WM 2011 in Daegu haben wir gut abgeschnitten, finde ich. Natürlich gibt es die Disziplinen, in denen wir noch lange Jahre hinterherlaufen werden, auf der Langstrecke oder im Sprint zum Beispiel. Aber überall da, wo es um die Technik geht, sehe ich immer noch Chancen. Da kann man mit Tugenden etwas erreichen, die die anderen vielleicht nicht haben. Das ist Fleiß, das ist akribische Arbeit an der Technik.

An welche Disziplinen denken Sie?

Ecker Der Weitsprung der Männer ist ein gutes Beispiel. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass wir zwei 8,50-Meter-Springer haben? Schade, dass es in Düsseldorf nach Christian Reifs Verletzung nicht zum Vergleich mit Sebastian Bayer kommt.

Die Olympischen Spiele 2008 in Peking waren mit einer Silbermedaille für Speerwerferin Christina Obergföll ein Tiefpunkt für die deutsche Leichtathletik.

Ecker Ach, das hat es immer gegeben. 1968 in Mexiko hatten wir nur eine Goldmedaille im Fünfkampf. Und 1972 waren es dann auf einmal sechs, so viele wie vorher und nachher nicht. So etwas kann sich innerhalb kürzester Zeit entwickeln. Ich freue mich besonders auf London, weil die Spiele mal wieder ungefähr in unserer Zeitzone stattfinden. Dann müssen wir nicht nachts raus, um uns vor den Fernseher zu setzen. Ich glaube, dass die Leichtathletik da wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerät.

Bei der WM in Daegu ging Weitsprung-Gold mit 6,82 m weg. Ihr Weltrekord lag bei 6,84 m. Stellen Sie solche Vergleiche schon mal an?

Ecker Mittlerweile wird einem häufig gesagt: Da hättest du ja noch mitspringen können. Sicher, der Weitsprung hatte auch seine Dopingphase, als die Sprünge bis auf 7,50 Meter gingen. 7  Meter sind heute wieder eine Art Schallmauer. Das waren sie schon zu meiner Zeit. Bei einem Erdteilwettkampf in Stuttgart hatte ich mal einen leicht übertretenen Sprung, der zwar ungültig war, aber gemessen wurde. Der war 7,11  Meter. Ich konnte 7  Meter springen, habe es aber nicht im Wettkampf geschafft. Die 7  Meter wären das Einzige gewesen, was mich gereizt hätte, meine Karriere nach 1972 fortzusetzen.

Sie haben im Alter von 26 Jahren aufgehört. Ungefähr im selben Alter beendet demnächst die Biathletin Magdalena Neuner ihre Karriere. Können Sie sie verstehen?

Ecker Man kann die Zeiten nicht ganz miteinander vergleichen. Als ich das gemacht habe, musste ich mir den Lebensunterhalt verdienen. Ich war Diplom-Sportlehrerin und als Dozentin an der Sporthochschule in Köln tätig. Weil ich den Leistungssport dazu betrieb, blieb nicht mehr Zeit für irgendetwas anderes. Ich hatte mir gesagt, dass ich Familie und Kinder haben wollte. Kinder und Leistungssport, das hätte ich persönlich nicht unter einen Hut bekommen.

Heute ist die Situation anders.

Ecker Magdalena Neuner verdient gutes Geld. Das steht ihr auch zu. Sie unterhält ja ein ganzes Volk für eine halbe Stunde, wenn sie da läuft. Sie hat gesagt, dass sie auch andere Dinge des Lebens kennenlernen will. Vielleicht ist sie auch ein Typ wie ich und sagt sich: Diese anderen Dinge passen für mich persönlich nicht mit dem Leistungssport zusammen.

Andere Sportler hängen mehr an ihrer Karriere. Man kann den Eindruck gewinnen, dass Michael Ballack den Absprung nicht richtig hinbekommt.

Ecker Es ist schwierig, den richtigen Zeitpunkt fürs Karriereende zu finden. Der Beweis, ob der gewählte Zeitpunkt der richtige ist, bleibt ja immer offen. Es gibt viele, die überschätzen die Wertigkeit ihrer eigenen Person. Diesen Eindruck muss man auch bei Michael Ballack haben. Ob er das selber so sieht oder sein Umfeld, das kann ich nicht beurteilen. Michael hatte ja ein schönes Fußballerleben. Ihm fehlt nur noch ein schöner Abschluss. Aber dazu scheint er nicht bereit. Wir sehen ja auch bei Thomas Gottschalk, wie schwer er sich mit seiner neuen Sendung tut. Wenn der glaubt, Gottschalk ist im Fernsehen und deshalb gucken alle, liegt er falsch. "Wetten, dass ..." als Show war der Anlass, den Fernseher anzumachen, aber nicht seine Person.

Sie sagten, die Biathlon-Olympiasiegerin Magdalena Neuner verdient gutes Geld. Wie viele der Bügeleisen und Eierkocher, die Sie bekommen haben, haben Sie noch?

Ecker Die sind mittlerweile entsorgt. Bei uns gab es nur Präsente. Wir durften kein Geld verdienen. Das war bis 1983 so. Die Geschenke waren eben in der Güteklasse wie Bügeleisen und Eierkocher. So etwas Großes wie ein Fernseher war nicht dabei. Ich war sehr beeindruckt, als Radweltmeister Rudi Altig bei einem Sechstagerennen mal eine Waschmaschine bekam. Aber der war ja auch Profi.

Gibt es einen Gegenstand, der Sie besonders an Ihre Karriere erinnert?

Ecker Das sind weniger Gegenstände als viel mehr Dinge, die man im Kopf hat. Vieles hat mit den Olympischen Spielen in München zu tun. Aber es sind auch andere Dinge, die gar nicht so berühmt sind. Die Reisen zum Beispiel. Ich kann mich an ein Hallensportfest in Moskau erinnern, da war es draußen minus 35 Grad. Zu unserer Gruppe gehörte Langstreckenläufer Harald Norpoth. Weil er keine Kopfbedeckung dabei hatte, habe ich ihm eine Häkelmütze von mir gegeben. Das sind Bilder, die man nicht vergisst.

Sie haben aber auch weniger unwirtliche Gegenden erlebt.

Ecker 1969 war ich auf einer Wettkampfreise in den USA. Eine Station war Los Angeles. Die Gastgeber haben uns zu einem Basketballspiel der Universitätsmannschaft UCLA eingeladen. Da wurde Lew Alcindor vorgestellt, der später unter dem Namen Karim Abdul-Jabbar zum Superstar wurde. Und in dieser Mannschaft spielte mein späterer Mann John Ecker. Da habe ich ihn unbewusst zum ersten Mal gesehen. Verrückt, nicht wahr?

Martin Beils und Stefan Klüttermann führten das Gespräch.

Quelle: RP


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