Mönchengladbach: Favre macht Mönchengladbach fit
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 22.02.2011 - 02:30Mönchengladbach (RP). Der neue Trainer hat sein erstes Erfolgserlebnis mit der Mannschaft schon abgehakt. "Das Spiel gegen Schalke ist vorbei", sagt er. Sein Blick geht nach Wolfsburg zum Kellerduell. Dort sollen der Sieg gegen die Gelsenkirchener und die gute Leistung bestätigt werden.
Borussias Hoffnungsträger staunt. "Muss ich jetzt jeden Tag etwas sagen?", fragt Lucien Favre den Mann von der Presseabteilung. Die große Öffentlichkeit ist dem Trainer aus dem 600-Seelen-Örtchen Saint-Barthélemy in der beschaulichen Westschweiz suspekt. Aber er muss sprechen an diesem Tag. Er muss erklären, wie er es geschafft hat, Borussia Mönchengladbach neues Leben einzuhauchen. Das 2:1 gegen Schalke rückt Borussias Kampf gegen den Abstieg in ein neues Licht. "Der Abstieg ist zu vermeiden", sagt Favre mit seinem französischen Akzent. Er spricht von positivem Denken, das es den Gladbachern ermöglichte, den frühen 0:1-Rückstand in den ersten Heimsieg zu verwandeln.
Favre mag sich nicht als Zauberer hinstellen lassen. Dazu denkt er den Fußball zu wissenschaftlich. Und doch hat er intuitiv handeln müssen vor diesem Spiel. Darum hat er sich für Logan Bailly als Torwart entschieden. "Ich hatte so ein Gefühl", erklärt Favre. Dieses sagte ihm: Bailly ist einer, der das Zeug hat, Spiele zu gewinnen. Mit einem Irokesenschnitt kehrte der Belgier zurück. Das wirkte kämpferisch. Ohne diese Frisursymbolik kam der "neue" Juan Arango aus. Der Venezolaner spielte ganz groß auf, nicht nur schön, sondern auch aggressiv und effektiv. Zwei personelle Entscheidungen, mit denen Favre richtig lag, ob er nun nach Gefühl oder nach schnellstens erarbeiteter Sachkenntnis handelte. Und auch die Idee, Mo Idrissou wieder in die Sturmspitze zu beordern, passte.
Aber was hat dieser Trainer getan, um das Team derart zu pushen? "Präzise arbeiten, gleich auf Fehler hinweisen", das sind Favres Begründungen. In seiner Heimat gilt er als Fußballprofessor, man könnte sagen: Er ist die Schweizer Antwort auf Ralf Rangnick. Favre hatte einen feinen "Linken" als Spieler, er war elegant. Und so ging sein Team auch den Abstiegskampf an, zumindest gegen Schalke. Spielerisch, mit einer gewissen Leichtigkeit, aber ernsthaft genug, um Schalke ganz selten ins Spiel kommen zu lassen. Vielleicht ist es Favres Art, die bei den vielen fußballerischen Feingeistern im Kader gut ankommt. Favre geht pädagogisch, aber nicht ohne die nötige Härte an seine Spieler heran. Und hat, so scheint es, die richtigen Worte gefunden: Seelenmassage, Motivation, Kritik, alles in einem.
Das Lob, das nun auf ihn einprasselt, macht Favre etwas verlegen. Er will doch nur sein Team voranbringen. Vor allem aber will er nicht absteigen. Zum Krisenmanagement gehört auch das Vergessen. "Das Spiel gegen Schalke ist schon vorbei", sagt Favre. Gewonnen, Punkte eingesammelt, abgehakt und gestrichen. Was zählt, ist vorne. Und vorne ist Wolfsburg. Favre wird wieder tüfteln, auf seine Gefühle hören: Vielleicht ist der gegen Schalke gesperrte Igor de Camargo eine Option im Angriff, vielleicht Tony Jantschke eine für die rechte Außenverteidigerseite, vielleicht Jens Wissing eine Alternative für den Job links in der Viererkette. "Der Sieg gegen Schalke war wichtig, und alle, die gespielt haben, haben es gut gemacht. Das heißt aber nicht, dass sie alle wieder spielen", sagt Favre. Das schürt den Konkurrenzkampf. Und Konkurrenzkampf steigert die Leistungsbereitschaft.
Favre weiß, dass der Sieg gegen Schalke nur ein erster Schritt war. Alles, was aufgebaut wurde, muss Freitag bestätigt werden. Sonst wäre es wie so oft in dieser Saison: Hoffnung keimt auf und wird zerstört. Aber mit Favre ist das Gefühl zurückgekehrt, dass es jetzt anders werden kann.
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