Die goldenen 70er Jahre
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 30.12.2011 - 02:30serie Der deutsche Fußball (4): Der Zweikampf zwischen Netzers Borussia Mönchengladbach und Beckenbauers Bayern München
Düsseldorf Die Haare waren länger geworden, die Hosen kürzer. Fußballer stiegen in den Geldadel auf, sie wurden zu Popstars. Die deutsche Nationalelf erlebte ihre erfolgreichste Zeit mit einem EM- und einem WM-Titel. Und der Wettlauf um die Meisterschaft war ein Duell. Es wurde zwischen Borussia Mönchengladbach und Bayern München ausgetragen. Fünfmal mit dem besseren Ende für die Elf vom Niederrhein, dreimal gewannen die Münchner. Es waren die 70er Jahre. Obwohl sie mit dem Bundesliga-Skandal 1971 begannen, hat man sie die goldenen Jahre genannt.
Das lag maßgeblich an den beiden Mannschaften, die sie prägten – vor allem an deren größten Persönlichkeiten: Günter Netzer (Mönchengladbach) und Franz Beckenbauer (Bayern). Es waren Spieler, wie sie der deutsche Fußball noch nicht hervorgebracht hatte. Künstler am Ball, Strategen auf dem Platz, Wortführer außerhalb – unverwechselbare Figuren. Beckenbauer, dessen Eleganz ihn über die schnöde grätschende Gegnerschaft erhob und ihm den Beinamen "Kaiser" eintrug, war Deutschlands bester Fußballer aller Zeiten.
Netzer, Beckenbauers ebenbürtiger Partner beim EM-Erfolg 1972, aber wurde ein Fall für die Kulturteile, die sich bis dahin mit dem Kampfsport der Arbeiterklasse allenfalls herablassend beschäftigt hatten. Das verdankte er weniger seinen großartigen Fähigkeiten. Netzer war ein Meister des öffnenden langen Passes, der das Spiel vorausdachte und Möglichkeiten schuf, die niemand gesehen hatte. Noch interessanter fanden die großen Gesellschaftskritiker freilich, dass da einer sich ganz bewusst aus dem reinen Fußballertum löste.
Netzer war erkennbar modischer als seine Kollegen, und er pflegte das Image des Anderen. Er besaß eine Discothek, fuhr teure Autos, er ließ sich in der Künstlerszene sehen, sein Horizont wurde von den Außen- und Grundlinien nicht begrenzt. Er ließ ihn nicht begrenzen.
Und er ließ sich auch von seinem Trainer nicht so viel sagen. "Wir haben kontrovers diskutiert", sagt er über die Zusammenarbeit mit Hennes Weisweiler, den sie in Mönchengladbach als Vater der legendären Fohlenelf verehren wie einen Heiligen. Manchmal redeten die beiden wochenlang kein Wort miteinander. Weisweiler schickte Netzers Teamkollegen Berti Vogts mit seinen Nachrichten an den Spielmacher aus. Und wenn er wütend auf den Star war, erklärte er wichtige Regeln so: "Abseits ist, wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt."
Weisweiler wusste natürlich, was für ein Genie er da trainierte. Deshalb ließ er ihm durchgehen, was sich niemand der braven Kollegen erlaubt hätte. Torwart Wolfgang Kleff erinnert sich: "Wenn er spürte, dass der Trainer ihn nicht braucht, dann hat er gesagt: Ich habe eine Zerrung, die heilt am besten unter Sonne und Salzwasser. Und dann ist er nach Gran Canaria geflogen." Einmal gab es eine kleine Revolte. "Aber das verlief im Sande", sagt Kleff, "wir wussten, dass wir von seiner Fußballkunst profitieren."
Netzer, für seine Kollegen gar nicht zufällig "der King", erfand das Spiel seiner Mannschaft. Sie bot in seiner Anschauung "drei, viermal im Jahr Fußball, wie es ihn auf der Welt kein zweites Mal gab". Mönchengladbach schien das Spiel in den besten Momenten zu befreien, auf eine andere Ebene zu bringen. Das verzauberte das Publikum. Soziologen glaubten an einen Zusammenhang mit der politischen Aufbruchbewegung der späten 60er. "Bei mir hatte das keinen politischen Hintergrund, aber politische Gedanken sind erlaubt", erklärt Netzer. Sein Team bot jedenfalls den Gegenentwurf zum nüchternen Erfolgsfußball der Bayern. Dass der Konkurrent am Ende die großen internationalen Erfolge der 70er feierte, während Gladbach im Finale des Landesmeisterpokals 1977 scheiterte, hat an der Verklärung des Borussia-Teams nichts geändert. "Die Magie der Gladbacher rührt nicht vom Erfolg, sondern vom Scheitern", schreibt Netzers Biograf Helmut Böttiger. Das würde Netzer noch heute bestreiten.
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