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Deutschland läuft nur hinterher

VON MARTIN BEILS - zuletzt aktualisiert: 28.07.2010 - 02:30

Hier zu Lande gibt es rund 18 Millionen Freizeit-Jogger. Bei sportlichen Großereignissen wie derzeit der Leichtathletik-Europameisterschaft in Barcelona bleiben Erfolge auf der Strecke indes zumeist aus. Auch Sabrina Mockenhaupt gilt nicht als Medaillenkandidatin.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat sich hoch über den Dächern von Barcelona nett eingerichtet. Im Klub "El Xalet", gleich neben den olympischen Schwimmbecken, residiert der DLV während der Europameisterschaften. "Boah, was für 'ne Location", schwärmt Hochspringerin Ariane Friedrich, als sie den Blick von der Büßerkirche Sagrada Familia über all die Sehenswürdigkeiten dieser Schönheit am Mittelmeer schweifen lässt. Auch die Leverkusener Stabhochspringerin Silke Spiegelburg, wie Friedrich eine Medaillenanwärterin, zeigt sich begeistert. Herbert Czingon, der Cheftrainer für die technischen Disziplinen, hat die beiden als Galionsfiguren für seinen Zuständigkeitsbereich zum Pressetermin mitgebracht.

Rüdiger Harksen, sein Kollege vom Fachbereich Lauf, ist allein da. Das hat zwar vornehmlich terminliche Gründe, passt aber ins Bild eines Verbandes, der auf den Laufstrecken wenig zu bieten hat. Dabei wäre die EM ohne Konkurrenz aus Afrika, den USA und der Karibik die Gelegenheit, um sich zu zeigen. Im Weltmaßstab haben die Europäer, die bei der WM 2009 in Berlin nur zwölf Prozent der Medaillen in den Laufwettbewerben gewannen, ohnehin kaum noch Chancen. Beim Rennen über 10 000 Meter gestern Abend waren Jan Fitschen, der Europameister von 2006, mit Platz 13, sowie Christian Glatting (9.) und Filmon Ghirmai (15.) ohne Chance, es siegte Mohammed Farah (Großbritannien) vor seinem Landsmann Chris Thompson.

Heute, zum Abschluss des zweiten Wettkampftages, sind die Frauen auf der gleichen Distanz an der Reihe. Sabrina Mockenhaupt steht zwar auf Platz drei der europäischen Jahresbestenliste und befindet sich laut Harksens Einschätzung in der "Form ihres Lebens", doch bei seinen Hochrechnungen kommt der Bundestrainer ungefähr bei Platz acht heraus. Zwei, drei Russinen, die in Äthiopien geborene Türkin Elvan Abeylegesse und die Portugiesinnen hätten ihr Potenzial in dieser Saison noch nicht einmal angedeutet.

In Deutschland thront "Mocki" auf den langen Strecken über allen. Bei den Meisterschaften in Braunschweig deklassierte sie über 5000 Meter das Feld und holte sich ihren 27. Titel. "Ich will so viele wie Dieter Baumann", sagte sie. Der hat 40. Ihr macht's Spaß, das Publikum feiert sie, aber letztlich sind solch erdrückende Bilanzen ein Armutszeugnis für eine Disziplin.

Für Mockenhaupt ist Barcelona Durchgangsstation auf dem Weg nach Berlin. Im besten Läuferinnenalter von 29 Jahren nimmt sie verstärkt die Marathondistanz in Angriff. In der Hauptstadt will sie im September ihre Bestzeit von 2:26:22 Stunden "pulverisieren" und den Familienrekord ihres Vaters (2:24:59) angreifen.

Auf rund 18 Millionen wird die kaufkräftige Gemeinde der Jogger in Deutschland geschätzt. Es gibt eine dramatische Schieflage zwischen dieser Zahl und der nach jedem Großereignis der vergangenen Jahre beklagten Laufmisere im Spitzensportbereich. Im Marathon von Barcelona tritt am Samstag keine deutsche Frau an. Doch dieses Dilemma ist nicht allein mit der angeblich mangelnden Fähigkeit der Jugend sich zu quälen zu begründen. Der DLV leidet auch unter strukturellen Problemen.

Der Verband stellt im Bereich Laufen "vieles auf den Prüfstand", wie Vizepräsident Günther Lohre sagt. "Wir haben jede Menge Läufer, auch in der Jugend", behauptet der frühere Stabhochspringer, "aber wir müssen prüfen: Haben wir die richtigen Läufer auf der richtigen Strecke?" Außerdem will der Verband die Trainingsplanung seiner Talente besser steuern. Ein Beispiel: "Manchmal muss man sich fragen: Ist es überhaupt sinnvoll für einen Athleten, ins Höhentrainingslager zu gehen, oder ist das eher kontraproduktiv?"

Früchte dieser Arbeit erwartet Lohre freilich erst bei den Olympischen Spielen – nicht 2012 in London, sondern 2016 in Rio de Janeiro.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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