Mönchengladbach: Der miese Tritt von Jermaine Jones
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 23.12.2011 - 02:30Mönchengladbach (RP). Schalkes Mittelfeldmann tat mal wieder was für sein schlechtes Image. Mit Absicht trat er dem Mönchengladbacher Marco Reus auf den verletzten linken Fuß. Nun ermittelt der DFB-Kontrollausschuss. Reus revanchierte sich auf seine Art: Er schoss zwei Tore beim Gladbacher 3:1-Erfolg.
Jermaine Jones brauchte dringend Begleitschutz. Nicht etwa, weil Schalkes böser Bube sich bedroht fühlen musste, sondern vielmehr, weil er auch im Abgang vom Rasen des Mönchengladbacher Borussia-Parks noch eine Gefahr für seine Umwelt darstellte. Einen Ordner brüllte er an, gegen die Kabinenwand schlug er mit der Faust. Und die Halsschlagader nahm erstaunliche Ausmaße an. Jermaine Jones fühlte sich ungerecht behandelt, weil er bei der 1:3-Niederlage im DFB-Pokal-Achtelfinale nach einer Auseinandersetzung mit Igor de Camargo die Gelb-Rote Karte gesehen hatte.
Den Platzverweis hatte er sich bereits vorher redlich verdient. Die Szene, die ganz Fußball-Deutschland gegen den Mittelfeldspieler aufbringt, wurde allerdings von Schiedsrichter Wolfgang Stark übersehen. Von den TV-Kameras nicht. Jones schlich sich vor einem Freistoß regelrecht an den Mönchengladbacher Marco Reus heran und trat ihm mit voller Absicht auf den linken Fuß – natürlich im Wissen darum, dass Reus' linker Zeh gebrochen ist. Der Gladbacher revanchierte sich auf seine Art. Das erste Tor der Borussia bereitete er vor, die beiden anderen erzielte er selbst. Und über den Tritt von Jones sagte er lediglich: "So was gehört sich einfach nicht."
Das sieht der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) genauso. Er ermittelt wegen "krass sportwidrigen Verhaltens". Und Jones droht weit mehr als die übliche Gelb-Rot-Sperre von einem Spiel. Sein Verein beschäftigt sich ebenfalls mit dem Gedanken an eine Strafe. "Da machen wir uns in Ruhe Gedanken", erklärte Manager Horst Heldt, "das sind Aktionen, die er tunlichst vermeiden sollte."
Sie passen allerdings ins Image, das Jones selbst pflegt. Der Sohn eines US-amerikanischen Soldaten und einer deutschen Mutter wuchs im Frankfurter Problemviertel Bonames auf. Und er kultivierte als Profifußballer das Bild des auf der Straße gehärteten Kämpfers. Mit einem Zweikampfverhalten und Sprüchen, die die Grenzen des guten Geschmacks häufig überschreiten, unterstrich er das ebenso wie mit wilden Tattoos, die große Teile seines Körpers bedecken. "Man muss aggressiv sein", hat er mal gesagt, "man braucht ein Arschloch auf dem Platz. Wenn ich auf den Platz gehe, dann mache ich meine Arbeit zu 100 Prozent."
Damit hat sich Jones auf dem Rasen und im Verein Respekt verschafft. Sein Trainer Huub Stevens weiß um die abschreckende Wirkung seines wichtigsten Zweikämpfers im Mittelfeld. Und Fachleute wie der TV-Experte Mehmet Scholl versichern: "Solche Spieler hast du natürlich lieber in deiner Mannschaft als beim Gegner." In einem Anflug von erstaunlicher Milde sortierte Scholl den miesen Tritt gegen Reus zunächst sogar in die Schublade "notwendiges Übel" ein. "Das gehört dazu", urteilte der ehemalige Profifußballer. Schalkes Co-Trainer Seppo Eichkorn, der Stevens vertrat, erklärte immerhin: "Ich habe die Szene nicht gesehen, das war vielleicht auch besser so."
Andere Augenzeugen gingen mit Jones hart ins Gericht. "Ich habe selten etwas Unsportlicheres gesehen", sagte der Mönchengladbacher Sportdirektor Max Eberl. Jones droht erneut ein empfindlicher Einschnitt in einer Karriere, die ohnehin nie geradlinig verlief. Durch Verletzungen, hoch entwickelten Stolz ("Ich bin ein Spieler, der seinen eigenen Kopf hat") und Probleme im Umgang mit seinen Trainern wurde der 30-Jährige immer wieder zurückgeworfen. Bei Schalke hatte er sich nach Stevens' Amtsübernahme so gerade erst wieder als Stammkraft etabliert. Nun könnte er dem Klub durch eine lange Sperre geschadet haben. Seinem eigenen Ansehen hat er ohnehin weitere Kratzer verpasst.
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