Mönchengladbach: Der Büchsenwurf vom Bökelberg
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 20.10.2011 - 02:30Mönchengladbach (RP). Vor 40 Jahren machte Borussia Mönchengladbach beim 7:1-Sieg gegen Inter Mailand ihr bestes Spiel im Europapokal. Das Spiel wurde annulliert, weil eine Cola-Dose Inter-Star Boninsegna am Kopf getroffen haben soll.
Es war nicht das Jahr der Borussia. "Ich bin froh, dass diese verkorkste Saison vorbei ist", sagte Berti Vogts in seiner Rückschau auf die Mönchengladbacher Saison 1971/72. Aber es war eine Spielzeit, die zum Mythos Borussia beigetragen hat. Günter Netzer und die anderen "Fohlen" produzierten beim 7:1-Erfolg über Inter Mailand, das italienische Weltklasse-Team, das aus der halben Nationalmannschaft bestand, das wohl schönste aller Borussen-Spiele im Europapokal. Wenige Tage danach bekam Schalke 04 als Tabellenführer beim 7:0 zu spüren, wie sich eine "Galaschau mit Torejagd" (Rheinische Post) der Marke Mönchengladbach anfühlt. Zuvor hatten die Borussen Inter pulverisiert. Heute vor 40 Jahren war das.
Es "war ein Wirbel in einer Champagnerflasche, voller Kabinettstücke, voller Kombinationen, die uneinsehbar waren, dazwischen die raumgreifenden Schritte Günter Netzers, der mit seinen Zuspielen das Spielfeld bis in seine letzten Leerstellen auszirkelte", dichtete Netzer-Biograf Helmut Böttiger über das Spiel gegen Mailand auf dem Bökelberg. Er hätte dies auch über das Duell mit den Schalkern sagen können, bei dem der zuvor 555 Minuten unbezwungene Torwart Norbert Nigbur einen schlimmen Tag erlebte.
Wenn die These stimmt, dass Medien Wirklichkeit konstruieren, dann hat es Borussias wundervolles 7:1 gegen Inter Mailand gar nicht gegeben. Denn das Fernsehen war nicht dabei, es ist ein Spiel ohne Bilder. Das, was da geschah im ersten Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister, ist tatsächlich so etwas wie ein fantastisches Trugbild. Es ist die Mutter aller Borussen-Spiele – seine Schönheit aber wurde zerstört durch eine leere Cola-Dose. Sie wurde von der Tribüne geworfen, berührte Mailands Roberto Boninsegna angeblich am Kopf. Der Italiener ging zu Boden, war nach eigenen Angaben sofort ohnmächtig, wurde vom Feld getragen und hinter verriegelter Kabinentür für spieluntüchtig erklärt. Inter legte Protest ein, denn "die Spieler hatten von da an Angst", sagte Klubchef Ivanhoe Fraizolli. Uefa-Beobachter Matt Busby erklärte: "Die Uefa wird sich mit diesem Vorfall befassen müssen." Die ominöse Dose nahm Schiedsrichter Jef Dorpmans, ein Niederländer, mit. Das Blechding steht heute im Vereinsmuseum von Vitesse Arnheim. Und Dorpmans (86) versichert: "Ich weiß genau, er hatte nichts." Der Italiener behauptet bis heute, eine dicke Prellung am Kopf davongetragen zu haben. Der Werfer wurde nie ermittelt. Zeugen des Spektakels, bei dem Borussia die Mailänder nach allen Regeln der Spielkunst auseinandernahm, waren nur 27 500 Menschen, die nämlich, die im Stadion dabei waren. Der Rest war ausgeschlossen – weil es keine Übertragung im Fernsehen gab. Es ging um 6600 Mark. Die ARD unterbreitete vier Stunden vor dem Anstoß ein Angebot: 60 000 Mark, die üblichen elf Prozent Mehrwertsteuer inklusive. Borussias Manager Helmut Grashoff war der Meinung, dass die Fernsehanstalt die Steuer drauflegen müsse und wollte 66 600 Mark. Keiner wollte nachgeben. Borussias "Nibelungen-Angriff" passierte also im kleinen Kreis jenseits medialer Beobachtung.
Am 29. Oktober, nach siebenstündiger Verhandlung, ordnete die Disziplinarkommission der Uefa eine Platzsperre für die drei nächsten Uefa-Heimspiele, eine Geldstrafe von 10 000 Franken und die Wiederholung der Partie an, die am 1. Dezember in Berlin war. Das 0:0 reichte nicht, um das zwischenzeitliche 2:4 in Mailand wettzumachen. Borussias größter Abend war zugleich ihr traurigster. "Unser schönster Sieg war unsere größte Niederlage", sagte Torwart Wolfgang Kleff. Das ist die bittere Wahrheit. Ob mit oder ohne Fernsehen.
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