Darts-WM – aus der Kneipe auf die große Bühne
VON GIANNI COSTA - zuletzt aktualisiert: 04.01.2012 - 02:30London/Düsseldorf Adrian Lewis steht auf der Bühne und schwitzt. Die Temperatur dort oben im Londoner Alexandra Palace liegt bei etwa 40 Grad. Das Finale der Darts-Weltmeisterschaft dauert schon eine ganze Weile. Lewis schnauft vor jedem Wurf gewaltig. Er ist 26 Jahre alt, deutlich übergewichtig. Man sieht ihm auf den ersten Blick nicht an, dass er ein Hochleistungssportler ist. Eher wie einer, der das Leben in vollen Zügen genießt.
Dann tritt er an die Abwurflinie, zielt mit dem Pfeil auf die 2,37 Meter entfernte Scheibe. Der Moderator verkündet das Ergebnis euphorisch: "Onehundredandeeeeiiiiiiiiiightyyy." 180 Punkte, besser kann es nach drei Versuchen nicht laufen. Ein Großteil des Publikums steht da längst auf den Tischen und feiert. Sport und Party – die Grenzen vermischen sich auf dem engen Raum schnell. Wenig später hat Lewis das Endspiel der WM gewonnen und damit seinen Titel gegen Landsmann Andy Hamilton mit 7:3 Sätzen verteidigt. Dafür bekommt er einen schicken Pokal und 240 000 Euro.
Lewis ist der neue Star einer Szene, die versucht, sich von ihrem Kneipen-Image zu befreien. Einhergehend mit der Fragestellung: Ist das überhaupt Sport? Für die Professional Darts Corporation (PDC) ist es vor allem ein lukratives Geschäft. Die Branche expandiert kontinuierlich, auch hierzulande mit Turnieren und TV-Übertragungen. "Stellen Sie sich mal da hin und werfen ein paar Stunden auf die Scheibe", sagt Lewis. "Natürlich ist das Sport, natürlich sind das Höchstleistungen. Körperlich und mental."
Für ihn beginnt alles mit einer ziemlich großen Pleite. Als er 20 ist, nimmt er in Las Vegas an einem Turnier teil und scheidet schnell aus. Aus Frust geht er in ein Kasino und zockt am einarmigen Banditen. Schließlich heulen die Sirenen auf, alles blinkt: 76 000 Euro, Hauptgewinn. Man überreicht ihm einen Scheck. Als er ihn einlösen will, fällt auf, dass er noch gar nicht 21 Jahre alt ist und damit zu jung, um in Amerika einen Geldgewinn einstreichen zu können. Mit Groll und einem neuen Spitznamen fliegt er zurück nach England. Jackpot wird er fortan genannt.
Er entscheidet sich, fortan noch ernsthafter zu trainieren. Er wirft pro Jahr mehr als hunderttausend Pfeile. Als Mentor steht ihm lange Darts-Legende Phil Taylor zur Seite. Lewis stammt wie Taylor aus Stoke-on-Trent, weitere prominente Bürger der Stadt sind Edward John Smith (Kapitän der Titanic) und der Musiker Robbie Williams. "The Power" Taylor (51), 15-maliger Weltmeister, war überraschend in der zweiten Runde der WM ausgeschieden. Es heißt, Taylor habe zusehends mit abnehmender Sehkraft zu kämpfen. Vor Jahren hat er sich mit Lewis überworfen, man spricht nun nur noch das Nötigste miteinander. Auch deshalb wird Lewis vom Publikum argwöhnisch beobachtet. Bei der Siegerehrung wurde er ausgebuht. Lewis zuckte nur mit den Schultern. Selbstbewusstsein und sein Hang zur Arroganz sind weitere Markenzeichen.
Unbestritten ist er schon jetzt ein großer Spieler. "Wenn man zum ersten Mal Weltmeister wird, dann ist das gut. Ein wirklich Großer ist man erst, wenn man den Titel verteidigt", befindet Lewis und fügt ganz bescheiden auf die Frage an, ob er jetzt der beste Spieler der Welt sei: "Ja." Sein langjähriger Förderer wird das nicht gerne gehört haben. In der offiziellen Rangliste wird Taylor an Position eins geführt.
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