Mönchengladbach: Borussia trifft das Tor nicht
VON ANDRÉ SCHAHIDI - zuletzt aktualisiert: 29.10.2011 - 02:30Mönchengladbach (RP). Nach zehn Spielen stehen beim Tabellensiebten der Bundesliga erst elf Treffer auf dem Konto – der drittschlechteste Liga-Wert. Marco Reus stiftet viel Gefahr im Angriff. Doch er ist kein Torjäger.
Es war eine dieser typischen Szenen, über die Borussia Mönchengladbachs Trainer Lucien Favre viel nachgedacht haben wird. Dienstagabend, Pokalspiel in Heidenheim, irgendwann tief in der zweiten Halbzeit. Marco Reus setzt sich im Angriff durch, lässt mehrere Gegenspieler des Drittligisten aussteigen – inklusive Torhüter Frank Lehmann. Er muss den Ball nur noch einschieben, doch irgendwie fährt Lehmann die Arme aus, spitzelt den Ball noch zur Seite. Es bleibt beim 0:0, Borussia muss sich über das Elfmeterschießen ins Achtelfinale des DFB-Pokals retten.
Das Bild ist nicht neu. Nach zehn Spielen hat die Borussia erst elf Treffer erzielt. Das soll heute ausgerechnet gegen die extrem effektiv spielenden Hannoveraner anders werden.
Dabei standen Aufwand und Nutzen zu Beginn der Saison noch in einem anderen Verhältnis. Im August gegen Bayern München reichte eine halbe Gelegenheit zum Sieg. Inzwischen ist Borussia regelmäßig feldüberlegen, vergibt jedoch so viele klare Möglichkeiten, dass aus den letzten drei Spielen nur ein Punkt heraussprang. "Wir sind derzeit ein wenig glücklos", sagt Mike Hanke etwas zerknirscht.
Gerade an ihm geht die Tormisere nicht spurlos vorbei, hat er doch in bislang 24 Spielen für Gladbach erst einen Treffer erzielt. Nun spielt er gegen Hannover, seinen Ex-Klub. Er verspricht: "Wir werden zu unseren Chancen kommen." Sich selbst meint er damit wohl weniger. Denn Hanke schießt selbst kaum aufs Tor. In der offiziellen Bundesliga-Statistik, in der jede irgendwie geartete Möglichkeit gewertet wird, kommt der Angreifer auf 19 Schüsse in neun Spielen. Insgesamt hat Gladbach 58 richtige Torgelegenheiten – und verwertete gerade einmal 19 Prozent.
Mit großem Abstand die meisten Torchancen haben Marco Reus (drei Tore) und Juan Arango (ein Treffer). Nur: die beiden sind eigentlich Mittelfeldspieler, erst zuletzt bot Favre Reus öfter als zweiten Stürmer auf. Der Trainer weiß, wie sehr Borussias Glück von seinem Kronjuwel abhängt. Spielt Reus schlecht, präsentiert sich auch Borussia nicht gut. Gerade jetzt ist der 22-Jährige jedoch wichtiger denn je. Denn der einzige Torjäger mit einem entsprechenden Instinkt, Igor de Camargo, ist weiterhin verletzt. Raul Bobadilla steht sich, trotz positiver Entwicklung, auf dem Platz noch zu oft selbst im Weg. Die Nachwuchsstürmer Joshua King und Mathew Leckie sind zu unerfahren. Und so ordentlich Mike Hanke die Rolle als hängende Spitze interpretiert – vor dem gegnerischen Tor ist der 27-Jährige völlig harmlos. Das gilt auch für Arango. Ein Treffer bei 32 abgegebenen Schüssen spricht beim Venezolaner nicht für einen Torriecher.
Bleibt also Marco Reus. Er ist schnell und technisch hochbegabt. Er arbeitet viel, bereitet Chancen vor, erspielt sich seine Gelegenheiten gerne komplett selbst. Doch der lange Weg zum Tor nagt an der Konzentration – wodurch der Abschluss nicht immer gelingt. "Wir müssen aufhören, immer über Marcos vergebene Chancen zu reden", sagt Lucien Favre. "Von den anderen muss mehr kommen." Der Trainer versucht es mit regelmäßigem Torschusstraining. "Es wäre aber zu einfach, wenn wir zweimal Abschlüsse trainieren und dann mehr treffen", sagt er. "Das braucht viel Zeit." Deshalb setzt Favre – gerade gegen eine konterstarke Mannschaft wie Hannover – auf die Spielintelligenz seiner Mannschaft. "Wir müssen mehr Geduld haben", verlangt der Trainer. "Und dann im richtigen Moment das richtige Risiko nehmen."
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