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„Hultras“ lösen Hooligans ab

VON GIANNI COSTA - zuletzt aktualisiert: 12.11.2008

Düsseldorf. Er ist ein unscheinbarer Typ. Keiner, vor dem man unbedingt Angst hätte, wenn man ihm im Dunkeln begegnet. Gut gekleidet, das Haar fein zurecht gemacht. Einen, den man sich gut hinter einem Bankschalter vorstellen könnte oder irgendwo am Schreibtisch einer Versicherung. Sieht so jemand aus, der sich Samstagnachmittags mit Gleichgesinnten zusammenrottet und rund um die Fußballstadien der Republik für Angst und Schrecken sorgt? Müssten Krawallmacher nicht irgendwie abstoßender sein? Müssten sie nicht zwingend über einen Wortschatz verfügen, der alles ist, vor allem aber nicht besonders vielfältig?

„Bei unseren Untersuchungen haben wir zwei Hooligan-Typen gefunden“, sagt Gunter A. Pilz, Professor an der Universität Hannover. „Es gibt den Proll- und den Yuppie-Hool. Für die einen geht es um eine Steigerung des Selbstwertgefühls, weil sie am Ende in der sozialen Kette stehen. Die anderen, die Akademiker, holen sich bei gewalttätigen Auseinandersetzungen das ultimative Erlebnis.“ Fanforscher Pilz, 63, hat unzählige Interviews mit Hooligans geführt. Einer von ihnen hat ihm zu seinen Beweggründen gesagt: „Der Reiz liegt in dem Moment, wenn du um die Ecke biegst und 40 Mann auf dich zurennen. Das ist der Kick für den Augenblick. Das ist wie Bungee – nur ohne Seil.“

Doch warum macht es bei einem Klick, und er verspürt den Drang, sich im quasi organisierten Rahmen zu prügeln? „Weil Menschen eben unterschiedliche Bedürfnisse haben“, sagt Pilz. „Ist es pervers, sich beim Prügeln auf der Wiese vor dem Stadion den Kick zu holen? Oder 8000 Euro zu bezahlen, um im Survivalcamp in der Lüneburger Heide Ameisen zu essen? Das sind die gleichen Typen. In Bremen wurden einmal vier Hools festgenommen. Der eine war Ingenieur, der zweite Banker, der dritte Mathematiker und der vierte Rechtsanwalt. Ganz solide Typen. Absolut unauffällig.“

Der englische Autor Bill Buford hat Hools von der Insel monatelang bei ihren Streifzügen quer durch Europa begleitet und berichtet von übelster Brutalität. Die Gewalt, befindet er, sei für die Rowdys die höchste Lustempfindung, ein hochgradig emotionaler Akt. „Es ist wie ein Rausch“, sagt Pilz. „Wenn alles vorbei ist, wissen sie oft gar nicht mehr, was passiert ist.“

Für den Soziologen Pilz gibt es keine Verbindung zwischen der sozialen Herkunft und der Frage, ob jemand gewalttätig ist oder nicht. Eine Erkenntnis, die in der Wissenschaft nicht ohne Widerspruch ist. Der Psychologe Peter Lösel, Professor an der Universität Erlangen, kommt bei seinen Forschungen zum Schluss, dass es sich bei Hooligans nicht um psychosozial unauffällige Personen handelt, die in einer Art Doppelexistenz nur am Wochenende ihre Aggressionsbedürfnisse ausleben. Es gebe zwar auch im täglichen Leben gut eingebundene Hools, doch solche Fälle seien nach seinen Studien rar. Die Mehrheit sei auch im privaten Umfeld gewalttätig und tobe sich nicht nur beim Fußball aus.

In einem, da sind sich Pilz und Lösel einig. Die klassische Definition von Hooligan ist überholt. „Der Hooliganismus ist ein Auslaufmodell. Es gibt nur noch selten Gruppen mit einem Kodex“, sagt Pilz. „An ihre Stelle treten immer öfter bestimmte Ultra-Bewegungen. Wir sprechen deshalb von ,Hultras’. Das sind tief mit ihrem Verein verwurzelte Typen, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken.“

Quelle: Rheinische Post

 
 
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