kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
       
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast

Unterwegs im Berliner U-Bahn-Cabrio

VON EKKEHART EICHLER - zuletzt aktualisiert: 28.07.2010 - 02:30

Eine der ungewöhnlichsten Attraktionen der Hauptstadt ist die Fahrt im offenen Wagen durch das Labyrinth der Untergrund-Bahn. Die zweistündigen Touren sind Wochen im Voraus ausgebucht. Unterirdisch geht es vorbei an Bunkern, ehemaligen Sektorengrenzen und einem Geisterbahnhof.

Alexanderplatz, Freitag, kurz vor 19 Uhr. Auf Gleis 4 der U-Bahn- Linie 5 steht ein seltsamer Zug zur Abfahrt bereit. Vorneweg eine knallrote Lokomotive. Dann drei offene Plattformwagen mit jeweils zwei Sitzreihen über die gesamte Länge. Und zum Abschluss komplettiert ein Steuerwagen das ungewöhnliche Fahrzeug-Ensemble.

Die drei Wagen sind mit 150 Leuten rappelvoll besetzt. Ausgerüstet mit gelben Helmen und kleinen Empfängern für den Erzähler im Ohr sitzen Alte und Junge, Berliner und Touristen Rücken an Rücken – die einen haben folglich die türkisen Kacheln der Alex-Bahnhofswand zum Greifen nah vor der Nase, die anderen das Feierabend-Gewusel der Hauptstadt.

Im Steuerwagen sitzt Dominic Poncé. Er führt und moderiert die zweistündige Tour durch das Labyrinth der Berliner Untergrund-Bahn. Eine Welt, die dem Normalbürger in der Regel verschlossen bleibt und in der er auch nichts sehen würde: "Die Festbeleuchtung in den Tunneln haben wir heute nur für Sie angeknipst", sagt Poncé. "Unsere U-Bahn-Fahrer haben es bei der Arbeit stockdunkel."

Punkt 19 Uhr. Die Fahrt beginnt. Mit gemütlichen 25 Sachen zockelt der Zug hinein in den ersten Tunnel, "natürlich viel langsamer als im Normalbetrieb, aber Sie sollen uns ja nicht im Fahrtwind erfrieren". Schon jetzt ahnt man: Poncé ist gleichermaßen Frohnatur wie Quasselstrippe. "Donnerwetter", raunt ein Mann, "der quatscht sich ja die Zahnleisten locker."

Zu berichten hat Dominic Poncé in der Tat allerhand. Je nachdem, wo der Zug sich gerade befindet, sprudeln aus ihm Geschichten und Anekdoten heraus. Die Fahrgäste lernen, dass die Trassen exakt unter den Straßen angelegt wurden, sehen Wehrkammeranlagen unter Spree und Panke und erfahren, wie sie im Falle eines Wassereinbruchs funktionieren. Oder wie schwere Tunnelbautechnik nach Abschluss der Arbeiten über so genannte Revisionsöffnungen zurück ans Tageslicht befördert werden kann.

Poncés Parforceritt führt durch Raum und Zeit, durch Bau- und Stadtgeschichte. An die Nazis erinnern unter anderem diverse Bunker, an Mauerbau und Teilung Berlins die dicken weißen Striche zur Markierung der Sektorengrenzen. Die Cabriofahrer im Untergrund wechseln mehrfach die Richtung, passieren ovale, eckige und runde Tunnel; sogar eine dreigeschossige "Kathedrale" hat unter der Erde Platz gefunden. Sie sehen den einstigen Geisterbahnhof Heinrich-Heine-Straße, auf dem zwischen 1961 und 1989 kein Zug auf seiner Fahrt von West nach West über Ost halten durfte, und fahren am Gesundbrunnen 14,75 Meter unter Straßenniveau – in der Regel liegen die Bahnsteige 4,25 Meter unter der Straßenoberfläche.

Großes Aufsehen gibt es überall dort, wo der ungewöhnliche Zug durchfährt oder hält. Die Leute auf den Bahnsteigen lachen und winken, die Passagiere machen´s genauso – so viel geballte gute Laune sieht man sonst selten im eher ruppigen Berlin. Rheinländer fühlen sich ein wenig an das Treiben bei einem Karnevalszug erinnert.

Die Bahnhöfe sind ein Thema für sich. Der Hermannplatz zum Beispiel ist hohl wie ein Schweizer Käse und hat direkten Zugang zum einstigen Platzhirsch-Kaufhaus Karstadt. Die Osloer Straße wurde in Farbgebung und Gestaltung der norwegischen Nationalflagge nachempfunden, in der Bernauer Straße schwedischer Granit verbaut. Die "Graf Zeppelin"-Rose gab den Orange-Ton für den Rosenthaler Platz, auch wenn der eher ein "changierendes Rot" trägt, wie Poncé mäkelt. Und an der Weinmeisterstraße, deren Wände aussehen wie mit Rebensaft übergossen, gab es schon im 17. Jahrhundert einen Weinberg. Selbst Graffitis sind bei der U-Bahn ein Thema. Ein gewisser Roy hat sich in mehreren Tunneln verewigt, beileibe nicht als einziger.

Als das U-Bahn-Cabrio – übrigens eine weltweit einmalige Attraktion – den Alexanderplatz wieder erreicht, hat es 35 Kilometer Strecke zurückgelegt, ist über die Gleise von fünf U-Bahn-Linien gerollt und hat dabei drei Aufstellanlagen und vier Verbindungstunnel passiert. Es ist durch die Bezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln gefahren und hat viermal die Spree unterquert, je zweimal den Landwehrkanal und die Panke. Und dem begeisterten Abschluss-Kommentar eines Einheimischen ist absolut nichts mehr hinzuzufügen: "Mann, dit war janz jroßet Kino!"

Quelle: Rheinische Post

 
 
Artikel der Rubrik Reise
 
 
Links zu diesem Artikel
 
Anzeige