Sri Lanka im Aufbruch

VON DENISA RICHTERS - zuletzt aktualisiert: 12.12.2009 - 02:30

Klapperndes Porzellan auf dem Fliesenboden des Hotelzimmers. Mitten in der Nacht. Und im dritten Stockwerk des Amaya Hill Resorts. Das muss ein böser Traum gewesen sein. Doch als am Morgen die Welt über der Dschungel-Landschaft um die einstige Königsstadt Kandy mit einem exotischen Konzert aus Zwitschern, Gurren, Pfeifen erwacht, bewegt sich etwas hinter dem Vorhang. Auf dem Balkon sitzt er, der Bananen-Dieb, den blonden Pony akkurat geschnitten, mit schwarz umrandeten Augen den erschrockenen Menschen musternd. Ein Malakka-Äffchen.

Gleich nach der ersten Nacht auf Sri Lanka wird klar, wie nah die Natur in diesem kleinen und so vielfältigen Land ist. Auf dem Kandy-See schaukelt ein Pelikan, wenige Meter weiter sonnt sich ein Waran neben Schildkröten. Und manchmal begrüßt einen morgens nicht ein diebisches Äffchen, sondern das freundliche Tröten eines Elefanten.

Rund 3000 der Dickhäuter leben noch in der Wildnis von Sri Lanka, hinzu kommen landesweit etwa 500 Arbeits-Elefanten. Vier bis fünf Tonnen wiegt ein ausgewachsenes asiatisches Exemplar, frisst täglich 350 Kilo Blätter oder Gras und trinkt bis zu 125 Liter Wasser. Seit 1975 kümmert sich das Elefanten-Waisenhaus von Pinnawela um alleingelassenen Nachwuchs. Rund 85 Elefanten werden hier betreut. Das Ziel ist, sie nach einigen Jahren auszuwildern. Andere bleiben lebenslang.

So wie Sama, eine Elefantendame, die als Baby Opfer des Bürgerkriegs zwischen Singhalesen und Tamilen geworden ist und auf eine Landmine trat. Jetzt humpelt sie auf drei Beinen, aber äußerst munter durch die Herde. Oder Raja, 66 Jahre alt und von der Statur eines Mammuts. Er ist blind, seitdem ein Bauer auf ihn geschossen hat. Nun ist Punchi Banda (49) sein Mahoud, sein menschlicher Begleiter. Täglich führt Punchi seinen Elefanten und Dutzende Artgenossen durchs Dorf, vorbei an Buden mit Papierprodukten aus Elefanten-Dung, hinunter zum Fluss. Die Badezeremonie der Elefanten ist eine Touristen-Attraktion.

Der Tourismus, einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren Sri Lankas, springt gerade wieder an – nach dem Tsunami 2004, der hier 50 000 Menschen das Leben gekostet hatte, und nach dem im Mai proklamierten Ende des seit 1983 währenden Bürgerkriegs. Noch immer säumen Kontrollposten die Küstenstraßen. Niemand weiß, ob der Friede halten wird. Er ist aber die einzige Chance für die Insel im Indischen Ozean.

An der Westküste, südlich der Hauptstadt Colombo und im Süden reihen sich die Traumstrände wie Perlen aneinander. Kokospalmen-Haine, türkisblaues Meer, weiße Gischt, Felsen. Dazwischen noch immer einige Tsunami-Ruinen. Unweit der früheren holländischen Hafenstadt Galle, deren Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, bietet das Lighthouse Hotel atemraubende Ausblicke und stilvollen Luxus.

Preiswertere Alternativen sind die Guest-Houses, die für zehn bis 20 Euro Zimmer oder Bungalows direkt am Strand anbieten. Eines davon gehört dem Göttinger Windfried Kaeferstein, der seit 1982 in Hikkaduwa das "Blue Note" betreibt. Bis zur Brust hat er im Wasser gestanden, als der Tsunami kam. Seinen Gästen ist damals nichts passiert. Und das war großes Glück. Fast 20 000 Menschen starben am 26. Dezember 2004 allein an der Westküste.

Es war ein gespenstisches Schauspiel, als das Meer sich plötzlich zurückzog. Im noch feuchten Sand markierten manche bereits ihre neuen Grundstücke, andere spielten Kricket oder fingen mit bloßen Händen Fische. Die Leute dachten, das Wasser kehre nie zurück. Es kam, nach 20 Minuten, mit tödlicher Wucht. "Gerade als es mit dem Tourismus bergauf ging, machte der Tsunami wieder alles kaputt", sagt Kaeferstein. Er hofft, dass es nun, nach dem Ende des Bürgerkrieges, wieder besser wird. Viele der Strand-Resorts Richtung Colombo spüren den Aufschwung bereits, sind selbst in der Nebensaison nahezu ausgebucht.

Doch die Insel hat weitaus mehr als nur Strand zu bieten. Ein besonderes Abenteuer startet am nächsten Tag in Gampola. Von dem kleinen Bahnhof aus geht es mit dem Zug, einem Relikt der britischen Kolonialzeit aus Holz und Eisen, auf 1400 Meter Höhe nach Naumoya, einem Örtchen nahe des Teeanbau- Zentrums Nuwara Eliya. Vier Stunden dauert die ratternde Fahrt. Echte Globetrotter lassen sich auf dem Boden an der offenen Zugtür sitzend den Fahrtwind um die Nase wehen, andere genießen von der gepolsterten Bank aus den Blick auf Wasserfälle, Wälder und die Teefelder auf den toskanisch anmutenden Hügeln.

Guter Tee fängt ab einer Anbauhöhe von 900 Metern an. Wir sind auf 2000. Das Teepflücken, nur die zarten Spitzen des Busches werden verwendet, ist schwere Handarbeit, die vorwiegend von tamilischen Frauen getan wird. 20 Kilo muss jede der Frauen am Tag pflücken. Vor den Teefabriken wird am Nachmittag gewogen, was sie gesammelt haben. Pro Kilo gibt's 20 Rupien, etwa zwölf Cent.

Vom kühlen Hochland geht's in die sengende Hitze der Südost-Küste in den 126  000 Hektar großen Yala-Nationalpark. Wonach Safari-Touristen in anderen Teilen der Welt oft vergebens suchen, ist hier zu sehen: Leoparden in freier Wildbahn. Etwa 100 Meter vom Jeep entfernt liegt eine der 150 Raubkatzen, die es im gesamten Park gibt. Sie blickt nur kurz auf, putzt sich dann elegant und ausgiebig weiter, als gäbe es keine Zuschauer.

Auch hier tötete die Riesenwelle tausende Menschen, überspülte ganze Resorts. Aber kein Tier ist damals gestorben. Weil sie ein besserer Instinkt in die Flucht schlug, denkt sich der Europäer. Sie wurden geschont, weil sie der Natur – anders als der Mensch – nicht geschadet hatten, glauben die Sri Lankesen.

Quelle: Rheinische Post


 
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