Malta – ein Freilichtmuseum
VON STEPHAN BRÜNJES - zuletzt aktualisiert: 13.03.2010 - 02:30Nenas neues Makeup strahlt: braun wie Maltas Land, blau wie der Himmel. Fehlt noch der Lidstrich. Und die Augen dafür. Denn Nena ist ein Fischerboot, und das darf nur mit Pupillen des Totengotts Osiris am Bug ins Wasser, erklärt Lawrence Micallef: "Phönizische Tradition, 2800 Jahre alt, aber wir glauben dran, die Augen schrecken das Böse ab." Schön müssen sie sein, so wie die Augen von Lawrence' Frau, denn ihren Namen trägt das Boot. "Luzzi" heißen diese Kähne und gehören zur Insel wie Gondeln zu Venedig. Bieten Touristen aber mehr als den Canale Grande mit Rushhour-Verkehrsaufkommen.
Vorausgesetzt, sie stechen morgens vor sieben in See. Nur dann lässt die aufgehende Sonne Maltas sandsteinfarbenen Festungsmauern in der Hafeneinfahrt von Valletta reflektieren und das Wasser schimmern, als habe ein Riese eine Glitzerfolie darüber ausgebreitet. Es ist Maltas goldene und fast stille Stunde. Wären da nicht der tuckernde Luzzu-Motor, klickende Kamera-Verschlüsse der Passagiere sowie ihre Begeisterungs-Rufe angesichts der restaurierten Lagerhauszeile "Waterfront". Die "Ahs" und "Ohs" weichen einem "Hä?" kurz nach dem Einlaufen in den Seglerhafen von Vittoriosa. Blicke fliegen irritiert hin und her zwischen Kirchturm- und Armbanduhren: Wieso stehen die Zeiger da oben auf kurz nach elf, die eigenen jedoch auf kurz vor acht? Blick zum nächsten Kirchturm: Dort ist es angeblich halb vier. Kein Zeiger da oben bewegt sich, die Uhren sind aufgemalt. "Damit wollen wir den Teufel verwirren, damit er nicht pünktlich zur Messe erscheint", sagt Gäste-Führerin Rosanne Sciberras und lächelt gequält. Ja, schon merkwürdig, dieser Mumpitz in einem streng religiösen Land, das 316 Quadratkilometern groß ist, aber angeblich 365 Kirchen hat – für jeden Tag eine, wie die Malteser sagen. Spendierfreudig sind sie und geltungssüchtig, wenn es um ihre Gotteshäuser geht, liefern sich einen Wettstreit um die größte Kirche. Kein Wunder also, dass mit der Rotunda von Xewkija und dem Dom von Mosta zwei der drei größten Kuppelkirchen Europas im kleinsten EU-Land thronen.
Die Malteser pilgern eifrig hinein und beten zu "Alla" – so heißt "Gott" auf maltesisch. Auch sonst traut man seinen Ohren nicht, beim Schlendern durch die Gassen: Denn was an Stimmengewirr zu hören ist, kann kein normaler Gast dechiffrieren. Wer glaubt, was zu verstehen, liegt garantiert daneben: "Hobz bis zejt" etwa ist nicht die Frage, ob man ein wenig Zeit habe, sondern eine Scheibe Brot mit Olivenöl, Tomaten, Kapern, Oliven und Knoblauch. "Malti" ist eine Buchstabensuppe, angerührt von phönizischen Besatzern in der Antike und Arabern im Mittelalter. Gesprochen wird Malti von den Insulanern nur, wenn sie nicht englisch reden. Trotzdem haben sie 2004 beim Beitritt zur Europäischen Union durchgesetzt, dass ihr Kauderwelsch EU-Sprache wird. Begründung: "Ohne uns gäbe es die EU gar nicht!" Sagt auch Lawrence und erinnert daran, dass 600 Ritter des Malteser-Ordens mit 8000 Insulanern die Invasion durch Suleyman und sein 30 000-Mann-Heer zurückgeschlagen und damit das Vordringen der Türken nach Westeuropa verhindert hätten. Vor allem aber haben sie auf diesem Triumph eine Stadt gegründet: Valletta, schachbrettartig angelegt wie Manhattan, ist es ein spätmittelalterliches Freilichtmuseum. Und fungiert gern als Teilzeit-Filiale Hollywoods – zur Freude der Touristen: Nichts ahnend biegen sie um die Ecke, stehen plötzlich in Troja und erhaschen einen Blick auf Brad Pitt als Achilles. Gerard Depardieu hat hier den "Graf von Monte Christo" gegeben und Tom Hanks lüftete das Geheimnis um den "Da Vinci Code".
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