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  Gast

Inseln des Glücks

VON KRISTINA HELLWIG - zuletzt aktualisiert: 13.03.2010 - 02:30

Zeit hat eine andere Bedeutung auf den Bahamas. Wer sich mit Einheimischen verabredet, kann in der Regel eine Stunde drauflegen. Doch Michelle (34) ist pünktlich. Buntgewandet und strahlend steht sie in der Hotellobby, um ihren Gast abzuholen. Ihre Herzlichkeit lässt keine Zeit für Unsicherheiten. Und so führt der wohl exotischste Moment dieser Reise nach einem dreistündigen Abstecher in den Sonntagsgottesdienst (Michelle singt im Chor) mitten hinein in ein bahamesisches Wohnzimmer. People-to-People nennt sich das Programm, bei dem sich Touristen und Einheimische ganz privat treffen. Schulaustausch für einen Tag. Jeder kann mitmachen, vorausgesetzt, er meldet sich zwei Wochen vorher übers Internet an.

Eine weitere ungewöhnliche Facette an einem Reiseziel, das die Deutschen mehr aus Erzählungen und James-Bond-Filmen kennen denn aus eigener Anschauung. Irgendwie müssen die Bahamas so eine Art glückliche Inseln hinter den Winden sein. Denn der Name lässt bei allen, die zu Hause bleiben müssen, die Augen neidisch leuchten. Dabei wissen viele nicht mal, wo die Inselgruppe zu finden ist. Vor Afrika? Neben den Malediven? Kalt, ganz kalt. Die Bahamas liegen südöstlich von Florida. Kein Wunder, dass der Großteil der Touristen – acht Millionen im Jahr – aus den USA kommt. Für die Deutschen gehören die Inseln noch zu den seltenen Reisezielen: Gut 10 500 deutsche Touristen wurden 2008 gezählt – Tendenz steigend.

Sie finden eine Welt der Kontraste, umgeben von türkisblauem Wasser. Hier isst man an der Strandbar frittierte Conch (eine Muschel- bzw. Schneckenart), dort schlürft man Champagner zum Bahamas-Hummer. Fisch und Meeresfrüchte gehören zu den wenigen Gütern, die auf den Bahamas nicht importiert werden müssen. Durch die Sträßchen von Nassau Downtown strömen die Kreuzfahrt-Passagiere, beim Dinner im exklusiven Oceans-Club erhascht man vielleicht einen Blick auf eine Hollywood-Prominenz. An den Stränden von New Providence Island, der Hauptinsel, reiht sich Hotel an Hotel. Aber besteigt man einen Inselflieger, erreicht man in kurzer Zeit einsame Strände unter Palmen ohne Massentourismus.

Paradies, dieses Wort fällt häufig in Zusammenhang mit den Bahamas. Zum Beispiel wortwörtlich auf Paradise-Island, der Nassau vorgelagerten Insel, wo Hotelmagnat Sol Kerzner mit dem Atlantis-Resort die perfekte Urlaubswelt geschaffen hat mit Hotels für jede Preisklasse. Die Frühstücksbüffets würde man selbst nach drei Tagen fasten nicht annähernd bewältigen, die Wasserlandschaft mit Pools, Rutschen und Strömungskanälen lässt Erwachsene zum Kind werden. Dank Einkaufsmall, Casino, Discos, Kinderclub und Sportangeboten vergeht die Zeit wie im Flug. Das Meer vor der Tür und die üppigen Gärten lassen die Größe der Anlage vergessen.

Als Paradies kennt man die Bahamas auch in der Finanzwelt. Steuerparadies. In dem Land, in dem der Tourismus und das Bankenwesen die Haupteinnahmequellen sind, zahlen weder Einheimische noch dort lebende Ausländer Einkommenssteuer. Michelles versammelte Großfamilie lacht im Wohnzimmer ihrer Mutter herzhaft über die Vorstellung, dass es in Deutschland eine Kirchensteuer gibt. Michelle selbst hat allerdings auch gerade die Kehrseite dieses Paradieses kennen gelernt: In der Weltwirtschaftskrise hat die Bankerin ihren Job verloren. Beruf, Politik, Familienleben – zwei Welten, über 7500 Kilometer voneinander entfernt, sorgen für Gesprächsstoff, der über Stunden nicht ausgeht. Und am Ende dieses Tages, der mit völliger Fremdheit begann, gehen zwei Freundinnen auseinander.

Die wahren Paradiese der Bahamas aber liegen jenseits von Nassau und New Providence Island. Über 700 Inseln gehören zu dem unabhängigen Commonwealth-Staat, von denen gerade mal 30 bewohnt und 15 touristisch erschlossen sind. Hier erhält Individualität den Vorzug vor Mainstream. Auf Harbour Island bewegt man sich mit Golfcarts fort. Im Pink Sands Hotel ist der deutsche Alltag vollends vergessen. Bungalows unter Palmen, in denen das Rauschen des Windes wie leiser Regen klingt, und nur wenige Schritte bis zum Strand. Der ist fast menschenleer und wirklich pink – ein Korallenriff sorgt für die rosa Einsprengsel im Sand. Dieser Luxus hat seinen Preis: 1400 Dollar pro Nacht kostet das Doppelzimmer im Pink Sands.

Auch der US-Amerikaner Winston hat sein Paradies gefunden. Er schippert vor Abaco, wo Wassersportler vielfältig auf ihre Kosten kommen. Er ankert vor Korallenriffen zum Schnorcheln oder setzt seine Gäste zum Landgang in Hope Town und zum Fotografieren des Leuchtturms ab. Die glücklichen Inseln hinter den Winden – wer bereit ist, dafür ein bisschen mehr als für einen Durchschnittsurlaub zu zahlen, kann sie auf den Bahamas finden. Samt den dazugehörigen einmalig freundlichen Bewohnern. "We are waiting for you to come back", schreibt Michelle einige Wochen später nach Deutschland – wir warten auf deine Rückkehr. Vielleicht eines Tages, wenn der Wind günstig weht.

Quelle: Rheinische Post

 
 
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