Hinter Visbys Mauern
VON MARTIN DZIERSK - zuletzt aktualisiert: 15.05.2010 - 02:30Die Insel ist es gewohnt, überrannt zu werden. Jährlich kommen 800 000 Touristen nach Gotland – rund zwölfmal soviel, wie die Ostsee-Insel an Einwohnern zählt. In der Hochsaison spucken die Fähren mehrmals täglich im Hafen von Visby ihre Fracht an Land. Doch Gotland, mit 3140 Quadratkilometer viermal so groß wie Rügen, bewältigt den Touristenstrom scheinbar mühelos, ohne Hektik. Schließlich gibt es Platz genug. "Wir haben im Laufe unserer Geschichte so viele Invasionen erlebt, da ist die der Touristen noch die angenehmste", sagt Gerlinde Nilsson im Café "Sankt Hans" in Visbys Zentrum.
Die Sonne blinzelt durch die Eichen des Kaffeegartens und wirft Schatten auf die Mauern einer Kirchenruine – die Reste des St. Johannis-Klosters. Mehr als 20 Kirchen hatte Visby im Mittelalter, alle bis auf den Dom St. Marien sind verfallen. Nicht Kriege waren schuld daran, dass Mauern und Dächer einstürzten, erzählt Gerlinde. Das Ende der Hansezeit, in der Visby zu einer der mächtigsten Städte aufstieg, leitete im 16. Jahrhundert den Verfall ein. Die Insel hatte Handel und Wandel an der Ostsee bestimmt.
Aber Wohlstand schafft Neid. Visby wurde zum Eroberungsobjekt. Schweden und Russen, Piraten und selbst die Lübecker Hansebrüder machten sich über die Insel her. Doch die Stadtmauer hielt allen Eindringlingen stand: Ein dreieinhalb Kilometer langer und über zehn Meter hoher Steinwall, bewacht von 44 Türmen, die längste Stadtmauer des Mittelalters. Auch der dänische König Valdemar Atterdag, der die Insel 1361 der dänischen Krone unterwarf, konnte Visby nicht bezwingen. Mit einem Lösegeld kaufte sich die Stadt von jahrelanger Belagerung frei, doch Ruhm und Reichtum waren vergangen. Visby wurde zu einem Freilichtmuseum des Mittelalters – mit Türmen, schmalbrüstigen Lagerhäusern und gotischen Treppengiebeln.
Jedes Jahr im Sommer (8. bis 15. August) wird diese Zeit wieder lebendig. Dann versinkt die Stadt für acht Tage im Rausch der Vergangenheit und veranstaltet Umzüge, Turniere und Wettkämpfe. Männer in Kettenhemden, den gehörnten Wikingerhelm auf dem Kopf, stampfen durch die Gassen. Frauen, als Marketenderinnen verkleidet, brauen Met, den sie am Hafen feilbieten.
Außerhalb der mittelalterlichen Ringmauer, die Visbys Altstadt (Weltkulturerbe seit 1995) umschließt, empfängt den Besucher eine weite, unberührte Landschaft. Mit Birken, Kiefernwäldern und endlosen Heideflächen. Bauernhöfe leuchten rot und gelb zwischen Wiesen und Rosenhecken. Weiße Kirchtürme ragen über verwitterte Steinwälle aus der Bronzezeit. Und nirgendwo Enge und Gedränge. Nicht einmal an den weißen, feinsandigen Badestränden.
Gotlands größte Sehenswürdigkeiten jedoch liegen unter der Erde – die Silberschätze der Wikinger, die mit ihren Drachenkopfbooten bis nach Nordamerika und zu den Küsten Kleinasiens vordrangen. 1999 kam auf dem Kartoffelacker eines Bauern der größte Silberschatz des Mittelalters ans Tageslicht. In Shorts und Turnschuhen, so steht Björn Engström, der glückliche Finder, auf seinem Feld, genau an der Stelle, wo er rund siebzig Kilo Ketten, Ringe und Armreifen, Schalen und Becher entdeckte. Engström durfte den Schatz nicht behalten, aber der schwedische Staat zahlte ihm zwei Millionen Schwedenkronen (rund 220 000 Euro) Finderlohn.
Mit dieser Summe renovierte Björn seinen Bauernhof, kaufte einen neuen Traktor und einen supermodernen Metalldetektor. Denn, wer weiß – vielleicht wird er ja auf seinem Acker noch einmal fündig.
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