Ein Dorf macht sanft mobil
VON A. LORENZ-MEYER - zuletzt aktualisiert: 12.12.2009 - 02:30Als Werfenweng in die Autofreiheit startete, war die Skepsis groß. Man gründete sogar eine eigene Partei gegen den sanften Tourismus, die "Heimatliste". Doch Peter Brandauer, der Bürgermeister des Dorfes im Salzburger Land, ließ sich nicht beirren. Im Winter 1999 startete sein Projekt, das den Urlaubern kostenlose Mobilität garantiert – allerdings nur, wenn sie aufs Auto verzichten.
"Gönnt's dem Auto doch auch seinen Urlaub, lasst's halt stehen", wirbt Brandauer, "wir sorgen für eure Mobilität." Und das geht so: Zwischen 9 und 22 Uhr können sich Gäste zum Startpunkt einer Wanderung oder zum Einkaufen fahren lassen. Auch für Nachtschwärmer ist gesorgt. Sie rufen einfach das Nachtmobil, das im Sommer jeden Freitag und Samstag fährt, im Winter sogar täglich von 19 bis 4 Uhr früh.
Die kritischen Stimmen in Werfenweng verstummten, als die Übernachtungszahlen in die Höhe schossen, von 160 000 auf heute 212 000 im Jahr. "Diese Steigerung haben wir ausschließlich der sanften Mobilität zu verdanken", sagt Brandauer. Werfenweng liegt abseits des Schienennetzes, trotzdem ist auch die Anreise mit dem Zug kein Problem: Ein Shuttle-Bus bringt die Gäste vom Bahnhof Bischofshofen ins Dorf hinauf – auch dieser Service ist gratis.
Umweltschonenden Tourismusmodellen gehört die Zukunft, besonders im ökologisch sensiblen Alpenraum, der durch den Klimawandel gefährdet ist. In der Schweiz und Österreich ist die "sanfte Mobilität" am weitesten verbreitet. Werfenweng steht nicht allein da. Autofreie Urlaubsorte bieten den Gästen höhere Urlaubsqualität. Zum Beispiel Serfaus: Das Tiroler Dorf ließ 1986 eine U-Bahn bauen. Die Gäste können einmal ins Dorf hineinfahren, um das Gepäck am Hotel auszuladen. Der Wagen bleibt dann für die Dauer des Urlaubs auf dem Parkplatz oder in der Tiefgarage stehen. In der Schweiz gehören unter anderem Zermatt und Saas-Fee zur "Gemeinschaft Autofreier Schweizer Tourismusorte", kurz und prägnant GAST getauft. Die größte und werbewirksamste Gemeinschaft sanft-mobiler Ferienorte ist international aufgestellt. Mittlerweile 21 Ferienorte aus sechs Alpenländern zählen die 2006 gegründeten "Alpenperlen".
Fahrzeuge aus den Städten und Dörfern zu verbannen, ist allerdings nur eine halbherzige Lösung. Wirklich autofrei sind die Alpenferien schließlich erst, wenn der Wagen zuhause in der Garage stehen bleibt und nicht erst vor den Toren des Bergdorfes. Touristische Umweltbelastungen entstehen hauptsächlich bei der Anreise. Wer mit dem Auto von Hamburg ins Wallis fährt, verursacht laut "UmweltMobilCheck" der Deutschen Bahn das Sechsfache an klimawirksamen Kohlendioxidemissionen als bei einer Zuganreise. Doch wie können Urlauber verstärkt für die Bahn gewonnen werden?
Peter Brandauer und seine Gemeinde Werfenweng haben das mit dem Anreizsystem geschafft. Zwar dürfen die Gratis-Fahrdienste auch Autofahrer nutzen, die nach der Ankunft ihre Wagenschlüssel im Tourismusbüro abgeben. Doch der Anteil der Bahnreisenden hat sich seit Einführung der Serviceangebote von sechs auf 25 Prozent erhöht. Brandauer: "Viele Gäste möchten bei uns echte Autofreiheit erleben. Sie fühlen sich schon von parkenden Autos gestört." Daher sollen jetzt auch die Werfenwenger vom Pkw wegkommen – wie ihre Gäste: Wer aufs Auto verzichtet, genießt eine kostenlose Mobilität.
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