Das Dorf von Don Camillo
VON STEFANIE BISPING - zuletzt aktualisiert: 13.03.2010 - 02:30Italien in den 50er Jahren. Überall im Land herrscht Frieden. Nur in einem kleinen Dorf in der Po-Ebene wird gestritten, dass die Fetzen fliegen. Ein kommunistischer Bürgermeister und ein gewitzter Geistlicher liegen sich in den Haaren – aus rein politischen Gründen. Menschlich verbindet Peppone und Don Camillo mehr, als sie ideologisch voneinander trennt. Die fünf Filme, die zwischen 1951 und 1965 in Brescello, einem Sprengel in der Emilia Romagna, nach den Erzählungen und Romanen von Giovannino Guareschi (1908-68) gedreht wurden, leben von dem Konflikt zwischen Politik und Religion, der seinerzeit in Italien ein beherrschendes Thema war – und so brisant, dass sich kein Regisseur des Landes an den Stoff herantraute. So drehte der Franzose Julien Duvivier die ersten zwei Filme.
In Brescello hat sich zumindest auf den ersten Blick seither wenig geändert. Vor der Kirche Santa Maria Nascente steht seit 2001 eine Statue Don Camillos, vor dem Rathaus schräg gegenüber die seines weltlichen Widersachers Peppone. Aus diesem Grund war die Wahl des Drehorts auf Brescello gefallen – es ist das einzige Dorf in der Region, in dem Kirche und Rathaus einander nicht frontal, sondern schräg gegenüberstehen. Das machte die erforderlichen Kameraschwünge leichter und symbolisierte zugleich die Beziehung zwischen den beiden einander reichlich misstrauisch beobachtenden Lagern.
Die Cafés und Bars rund um die Piazza sind auch im Frühling schon gut besucht. Senioren debattieren, Eltern schaukeln Kinderwagen. Vor der Kirche spielen die Jungen Fußball. In ihrem Inneren können die Besucher den sprechenden Jesus am Kruzifix besuchen, mit dem Don Camillo sich in allen beruflichen und privaten Zweifelsfragen berät. Diskret ist er in einer Seitenkapelle untergebracht, damit die Touristen die Gläubigen nicht stören. 50 000 Menschen besuchen jedes Jahr das Dorf von Don Camillo und Peppone. "Die meisten sind Europäer", erzählt Simone Manzotti, die Fremdenführerin aus Köln. Zehn Busse fahren am Wochenende in der 5000-Einwohner-Stadt vor; nach Fontanella di Roccabianca, wo Guareschi geboren wurde und seine ersten sechs Jahre verbrachte, reisen hingegen ebensowenig Pilger wie nach Parma, wo er später lebte. Fast scheint es, als überschatteten die Filme heute den Ruhm des Autors.
Vielleicht aber ist es auch Zufall: "Die haben das verpennt in Parma", sagt eine Frau im Café mit dem naheliegenden Namen "Don Camillo". Ein Schild weist den Weg zum Museum, in dem Filmplakate, Requisiten wie das Herrenrad des Geistlichen, sein Talar und Erinnerungsstücke wie der Originalprojektor der Premiere und das Motorrad von Guareschi versammelt sind.
Schon zu Römerzeiten war Brescello bedeutend. Die Lage am Ufer des Po machte es zu einem wichtigen Handelsweg. Dass die meisten Touristen das Dorf nach dem Besuch des Filmmuseums verlassen, ohne sich im römischen Museum die Überreste diverser Amphoren angeschaut zu haben, nimmt niemand übel.
Die dritte Hauptrolle in den Don-Camillo-Filmen spielte Brescello selbst. Es heißt in der Erzählung über die "Mondo Piccolo", die kleine Welt irgendwo in Norditalien, Boscaccio und ist ein fiktiver Ort, der beispielhaft war für das Leben in der Bassa, der Po-Ebene, und für ihre etwas starrsinnigen, aber letztendlich doch friedfertigen Bewohner. Dass es wenig gibt, was nicht bei einem Glas Rotwein geklärt werden kann, erscheint den Menschen von Brescello bis heute einleuchtend. Den Film-Tourismus pflegen sie knapp 60 Jahre nach dem ersten Drehtag immer auch mit Stolz. Weil damals viele Dorfbewohner arm waren und sich über ein Zubrot als Statisten freuten und weil auch heute, da die meisten bei Fabriken im Umland beschäftigt sind und die Region dank Motoren, Strickwaren und zahlreicher Delikatessen zu den reichsten Italiens gehört, noch immer verdient wird an den Filmen und ihren Fans. Aber vor allem, weil sie sich mit den Erzählungen Guareschis identifizieren. Auch wenn der Konflikt längst keiner mehr ist: In Peppones Rathaus regieren heute die gemäßigten Linksdemokraten, die Kirche ist nicht immer voll. Die Spaltung der Bevölkerung in Katholiken und Kommunisten ist Geschichte.
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