Burgenland: Ein Tag am See
VON MARLIS HEINZ - zuletzt aktualisiert: 13.03.2010 - 02:30Es ist noch dunkel, als Helmut Schwarz und seine beiden Helfer den Motor ihres Kutters anlassen. Sie als Berufsfischer dürfen das auch hier im Naturschutzgebiet. Langsam tuckern sie auf dem Kanal durch den Schilfgürtel, der in Oggau am Westufer des Neusiedler Sees besonders breit ist. Zander, Karpfen, Hecht oder Wels holt Schwarz, Fischer in dritter Generation, heraus, mal mehr, mal weniger. Ja, man könne leben von diesem Beruf, bekennt er. Mit etwas Landwirtschaft als zweitem Standbein. Heute jedenfalls fängt der Tag erfolgreich an. Im Zugnetz zappelt neben reichlich handlichen Fischen ein riesiger Wels. Schwarz weiß, welchen Küchenchef er anrufen wird.
Mit dem Sonnenaufgang kommt Leben ins Nationalparkzentrum Illmitz. Die ersten Besucher brechen mit Landkarten, Ferngläsern, Fotoapparaten und Arten-Bestimmungsbüchern auf. Nationalpark-Mitarbeiter Alois Lang erläutert: "Sie finden hier auf engstem Raum die unterschiedlichsten Lebensräume: den Wald des Leithagebirges, Trockenrasen, Weingärten, Straßendörfer, Seerandwiesen, den Schilfgürtel und das Wasser, den jüngsten und westlichsten Steppensee Europas. Und das Ganze am Ostrand der Alpen und gleichzeitig am Westrand der Puszta. Wir sind dadurch ein biologischer Vielvölkerstaat, wo Arten aus alpinen, pannonischen und mediterranen Landschaften zuhause sind." Der große, flache See, dessen südlicher Zipfel zu Ungarn gehört, wirkt als Wärmespeicher, verlängert die Vegetationsperiode auf 250 Tage und spendet Luftfeuchtigkeit. Nur ein Teil des Sees liegt im Nationalpark, aber die gesamte Region gehört seit 2001 zum Unesco-Welterbe.
Wer bei allem Beobachten richtigen Hunger bekommt, dem kann rund um den Neusiedler See geholfen werden. "Die Handelswege", sagt Josef Lentsch, Wirt des Gasthofes "Zur Dankbarkeit" in Podersdorf, "die führten an unserer armen und abgelegenen Gegend immer weiträumig vorbei. Also mussten sich die hiesigen Gastwirte auf das verlassen, was sie selber erzeugen konnten." Lentsch – wie seine Vorfahren gleichzeitig noch Winzer – liegt damit genau im Trend. Bei ihm kommt, modern erleichtert, die Geschichte all jener auf den Tisch, die ihre Küche in die Region brachten: Kroatisches und Ungarisches, Schwäbisches, Böhmisches und Jüdisches.
Es ist 14 Uhr. Eines der Schiffe im Hafen von Rust sticht in See. Eine knappe Stunde durch Schilf und Wellen, mit ein paar Ansagen vom Band: Der See ist kaum irgendwo tiefer als 1,80 Meter, im Sommer badewannenwarm und im Winter zugefroren. Er hat nur einen winzigen Zufluss und speist sich lediglich aus Regenwasser sowie ein paar Quellen am Grund. Und: Irgendwann wird der See verschwunden sein – zugewachsen und verdunstet.
Der Nachmittag geht seinem Ende entgegen. Gleich wird "Bürgermeister" Josef Haubenwallner sein Dorf schließen, sein Museumsdorf in Mönchhof. Er wird in jedem der fast 30 Gebäude, also den Bauernhöfen und der Kirche, den Werkstätten und dem Kino, dem Pfarrhaus und der Feuerwehr, nach dem Rechten schauen, wird das Licht ausknipsen und einen alten Schlüssel im Schloss herumdrehen. Josef ist nicht Museumsangestellter, er besitzt das vom Museumsbund anerkannte Dorf. "Seit 20 Jahren, pflanze ich Häuser, die abgerissen werden, hierher um. Es wäre doch schade um alles."
Der Abend am Neusiedler See hat viele Gesichter. In Eisenstadt strömen die Konzertbesucher zum barocken Schloss, in jenen Festsaal, für den Josef Haydn als Kapellmeister der Esterhazys so viele Stücke verfasst hat. In Neusiedl treffen sich die Gourmets an der Bar des Restaurants "Mole West" und warten geduldig, bis ein Tisch mit Blick auf den Bootshafen frei wird. Und in Podersdorf am "Platz der Radchampions" wird getanzt. Ein Tenor beschwört die Caprifischer, die am Abend aufs Meer hinausziehen. Neusiedler-See-Fischer Helmut Schwarz – so ist zu vermuten – schläft längst.
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