An der Elbe entlang radeln
VON MARTIN DZIERSK - zuletzt aktualisiert: 13.03.2010 - 02:30Nur langsam heben sich die Schleier, die am frühen Morgen über den Wiesen am Elbufer liegen. Schemenhaft zeichnen sich die Erlen und Weiden im Morgendunst ab. Schweigend rollt die kleine Fahrradgruppe aus Hamburg und dem Rheinland über den schmalen Deich, der an einer langgestreckten Flussschleife nördlich von Dessau die Elbe säumt. Angeführt wird die Gruppe von Reinhard, einem jungen Mann aus Dresden, der seit drei Jahren Radreisen am Oberlauf der Elbe organisiert.
Reinhard ist bester Laune. In den letzten Jahren, sagt er, hätten immer mehr Radurlauber die Schönheiten der Elbe entdeckt. Und er ergänzt: "Nirgendwo sonst gibt es so viel zu sehen, so viel Geschichte zu erleben wie hier, im Zentrum Europas." Die erste Geschichtslektion vermittelte gleich nach der Ankunft beim Stadtbummel durch Dessau. Walter Gropius, einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts und Begründer der Bauhaus-Architektur, verwirklichte dort seine Ideen. Das neue Bauhaus mit kubischen Formen und hoher Glasfassade wurde schnell zum Anziehungspunkt bekannter Künstler: Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger. Ihre einstigen Atelierwohnungen, die sogenannten Meisterhäuser, sind heute Teil des Bauhaus-Museums, idyllisch gelegen in einem Kiefernwäldchen. Dort hat am Morgen die Tour begonnen.
Durch den Dessauer Schlosspark geht's in das Wörlitzer Gartenreich, die größte und schönste Gartenanlage Deutschlands, geschaffen von Fürst Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817). Sein Reich zwischen Dessau und Wörlitz galt im 18. Jahrhundert als Musterstaat, er selbst als aufgeklärter Landesherr. Schließlich hatte er viel von der Welt gesehen und auf Reisen nicht nur seine liberale Gesinnung, sondern auch die Vorbilder gefunden, die er später in seinem Gartengelände verwirklichte: Schlösser, Skulpturen und künstliche Seen verschmelzen mit den Wiesen und Wäldern am Elbufer.
Der Elberadweg führt anschließend mitten hinein in die Altstadt von Wittenberg, die Stadt Martin Luthers. Unzählbar beinahe die Sehenswürdigkeiten, die Geschichte schrieben: Die mächtige Stadtkirche am Marktplatz, in der Luther als Ausgustinermönch lehrte und predigte. Die Wohnhäuser des Reformators und seiner Gefährten. Die alte Universität und die Schlosskirche mit der mächtigen Pickelhaube auf dem Turm, Schauplatz von Luthers Thesenanschlag gegen den Ablasshandel, der die Kirche des Abendlandes radikal verändern sollte.
"Wenn Wittenberg als Mutter der Reformation gilt, dann ist Torgau ihr Lieblingskind", sagt die junge Frau in Torgau, rund 50 Kilometer weiter elbaufwärts. Im mittelalterlichen Kostüm, ein schwarzes Häubchen auf dem Kopf und im weiten, knöchellangen Rock: So steht sie auf dem großen Platz vor dem Torgauer Renaissanceschloss und wartet auf Touristen – als ein Ebenbild Katharina von Boras, der Ehefrau Martin Luthers. Katharina wird die Besucher durch die Stadt führen, in der die erste protestantische Kirche gebaut wurde und in der die ehemalige Nonne erstmals dem Reformator begegnete.
Die Silhouette Dresdens wird schon von weitem sichtbar: Das Schloss der sächsischen Könige, die barocke Hofkirche, der Zwinger, die Semperoper, die Brühlschen Terrassen, die mächtige Frauenkirche. Dresden: Elbflorenz, Landeshauptstadt, Kunstmetropole! Auf den Auwiesen am Fluss radelt die Gruppe durch die Stadt, rollt unter Brücken hindurch und wechselt hinüber zum gegenüber liegenden Flussufer, wo Schloss Pillnitz, die Sommerresidenz August des Starken, im Sonnenschein leuchtet. Die Zeit reicht nur für einen kurzen Fotostopp, denn noch sind 20 Kilometer der Tagesetappe bis Pirna, dem Tor zur Sächsischen Schweiz, zu bewältigen. Sie sei ein "Mekka für Romantiker", sagt Reinhard. Nur schade, dass sich meist zu viele Menschen auf die Suche nach Romantik machen. An den Wochenenden ist das Elbsandsteingebirge überlaufen, Tausende kommen dann mit Ausflugsdampfern von Dresden aus die Elbe hinauf.
In Pirna werden die Fahrräder gegen Wanderschuhe getauscht Es folgt ein Spaziergang über den berühmten Malerweg, der sich am rechten Elbufer östlich von Pirna bis nach Rathen erstreckt, durch enge Schluchten und schmale Felsentore, gesäumt von uralten Eichen. Caspar David Friedrich, im 18. Jahrhundert Malprofessor in Dresden, hat auf diesem Weg die schönsten Landschaftsmotive seiner Heimat entdeckt. Von der Bastei, dem höchsten Aussichtspunkt der Sächsischen Schweiz, bietet sich ein Schluchtenlabyrinth, vor Millionen Jahren aus dem Meer der Kreidezeit gewachsen.
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