100 Jahre Jungfraubahn
VON MATTHIAS PIEREN - zuletzt aktualisiert: 28.01.2012 - 02:30Lokführer Thomas Lanz hat die Jungfrau fest im Blick. In seinem Job muss er seinen Fahrgästen die Schönheit des Berner Oberlands fließend auf Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch ankündigen. Doch für seine Arbeit auf der Jungfraubahn reicht das bald nicht mehr. "Immer mehr Chinesen, Inder und Russen fahren mit uns. Da muss ich wohl bald weitere Sprachen erlernen", sagt der Lokführer.
Im August 1912 hatte die Jungfraubahn ihre Jungfernfahrt. Es war der Beginn des Massentourismus im Berner Oberland. Seit 100 Jahren fährt die Jungfraubahn unermüdlich Gäste zum Jungfraujoch. Dort liegt auf 3454 Metern der höchstgelegene Bahnhof Europas. Die Zahnradbahn erschließt das legendäre Bergmassiv von Eiger, Mönch und Jungfrau.
Im Jahr 1811 wurde die 4158 Meter hohe Jungfrau als erster 4000er Gipfel der Schweizer Alpen erklommen. 200 Jahre später, 2011, tummelten sich 765 000 Touristen auf dem Jungfraujoch. So viele wie niemals zuvor. Die Jungfraubahn verzeichnete einen Fahrgast-Rekord. Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 rund 900 000 Gäste jährlich auf das Jungfraujoch zu bringen.
Zwei Drittel der Fahrgäste kommen heute aus Asien. Für die Touristen aus Fernost wirkt sich die derzeitige Währungssituation günstig aus. Eine Station ihrer Europa-Rundreise führt fast alle Asiaten aufs Jungfraujoch – wegen der ganzjährigen Eis- und Schnee-Garantie.
Lokführer Thomas Lanz chauffiert die Touristen seit mehr als 20 Jahren mit der Zahnradbahn von der Kleinen Scheidegg (2061 Meter) hinauf zum Jungfraujoch. Er muss weitaus mehr können als nur einige Fremdsprachen, wenn er seinen Zug in etwas mehr als 50 Minuten hinauf an den Fuß des Großen Aletschgletschers steuert. Notfalls muss der Lokführer Triebfahrzeuge im Tunnel reparieren können und Störungen der Bahnbetriebstechnik beheben. Nach massivem Schneefall wird der Mann aus Grindelwald auch im Räumdienst eingesetzt. Auf der zwölf Kilometer langen Strecke überwindet die Zahnradbahn fast 1400 Höhenmeter und durchquert dabei die Felsmassive von Eiger und Mönch.
Erste Hilfe ist ebenso gefragt wie Fingerspitzengefühl bei der psychologischen Betreuung von Fahrgästen, denen die Tunnelfahrt unheimlich wird. Lokführer Lanz legt deshalb im Tunnel auf 2865 Metern Höhe an der Station Eigerwand den ersten Zwischenhalt ein. Für fünf Minuten können die Fahrgäste sich die Beine vertreten und einen Blick aus einem der drei Panoramafenster mitten in der Eiger-Nordwand werfen. "Im Sommer klettern da die Alpinisten vorbei, die die legendäre Eiger-Nordwand bezwingen", erzählt Lanz.
Die Aussichtsfenster im Tunnel lassen bereits erahnen, welch ein Panorama die Besucher auf dem Joch erwartet: Vom ganzjährig mit Schnee bedeckten Gipfelgrat zwischen Mönch und Jungfrau hat man bei gutem Wetter einen unvergleichlichen Ausblick auf 200 Alpengipfel. Im Süden: der Aletsch-Gletscher, der mit 22 Kilometern längste Gletscher in den Alpen. Im Norden gleitet der Blick über die Schweizer Grenze hinaus bis in die Vogesen und den Schwarzwald.
Die 5000 Tagesbesucher verteilen sich in dem 1987 neu eröffneten Berghaus "Top of Europe" mit seinen 700 Plätzen in fünf Restaurants, in der Eiskristallhöhle und auf den beiden Aussichtsplattformen. Die schnellste Liftanlage der Schweiz bringt die Besucher vom Joch auf die Terrasse "Sphinx".
Zunehmend kommen Möchtegern-Bergsteiger ohne Klettererfahrung ins Hochgebirge. Mit fatalen Folgen: Auf keinem anderen Schweizer Berg starben 2011 mehr Menschen als auf dem Mönch. Obwohl der Mönch als einer der einfachsten Viertausender gilt, fanden dort fünf Bergsteiger den Tod. Als "einfach" gilt der Mönch, weil man den 4107 Meter hohen Gipfel relativ bequem erreichen kann. Mit der Jungfraubahn fährt man zum Joch. Von dort sind es noch 653 Höhenmeter. Drei Stunden werden für den Aufstieg und nochmal so viele für den Abstieg eingeplant. Der ultimative Kick, einen Viertausender an einem Tag zu bezwingen, lockt an schönen Tagen bis zu 100 Bergsteiger den Mönch hinauf.
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