Zeitkrititische Kunst unter Wachs
VON MICHAEL BROCKERHOFF - zuletzt aktualisiert: 26.11.2009 - 02:30Er ist neugierig, experimentierfreudig und voll Tatendrang. Deshalb taucht Matthias Hintz schon mal in das lebendige Düsseldorf ein und nimmt ein Bad in der Menge. Denn Menschen, ihre Schicksale und ihr Verhalten ziehen den Künstler in ihren Bann, sie will er darstellen. Und er probiert dabei immer wieder Materialien und Arbeitsweisen aus.
Kleine Bilder von Menschen in existentiellen Situationen vergrößerte er beispielsweise mit digitalisierter Fototechnik zu freskenartigen Darstellungen, zu sehen in der evangelischen Friedenskirche in Düsseldorf-Bilk. Riesige Holzskulpturen schneidet er mit der Kettensäge zurecht – und kombiniert sie mit Wachs. Ebenfalls große Formen prägen einen Andachtsraum im evangelischen Krankenhaus, den Hintz hell, licht und weich – weil mit Wachsschichten – gestaltet hat.
Und jetzt ein neues Experiment, aber mit kleinen Formen. Die menschlichen Höhen und Tiefen, die der spanische Maler Francisco de Goya in seinen 80 Caprichos (Launen, Einfälle) darstellte, hat Hintz neu bearbeitet, verfremdet, in einer Collagentechnik in moderne Bezüge gestellt. Der 50-jährige, in Merseburg an der Saale geborene Künstler hat damit auch einen Teil seiner Lebensgeschichte verarbeitet. "Als 17-Jähriger lernte ich über Feuchtwangers Roman Goya kennen und war fasziniert davon, wie nah Goya am Volk war", erzählt Hintz.
Die Caprichos haben ihn seitdem nicht mehr losgelassen, der Katalog der 80 Radierungen lag immer griffbereit in Reichweite, später auch die surrealistischen Interpretationen der Caprichos von Salvador Dalí. Ein Grund ist die Gesellschaftskritik, die Goya in den Caprichos äußert. Er spricht Hintz aus der Seele, der selbst unter dem totalitären System der DDR litt. Deshalb floh Hintz 1987 aus der DDR, war dann an der Kunstakademie Düsseldorf Meisterschüler von Günther Uecker. Hintz hat aber auch erkannt, dass in der freien Welt nicht alles Gold ist, was glänzt. Deshalb hat er sich daran gemacht, die Caprichos von Goya, die Geldgier, Geiz, Ausbeutung, Unterdrückung, Arroganz oder Dummheit anprangern, auf heutige Erfahrungen zu übertragen.
Er stellt die Szenen von Goya in das Umfeld von Collagen aus Fotos moderner Zeitschriften. Und er schafft so Bilder mit vielen Details und Anspielungen, die die Phantasie anregen. Trotzdem wirken die Bilder von Hintz nicht modernistisch und marktschreierisch, sondern allgemeingültig und zeitlos. Denn sie haben eine Art Patina – eine hauchdünne Wachsschicht, unter der die Collage zu einer Einheit verschmilzt.
Die Ausstellung "Wandlungen" im Kreismuseum Zons, Schlossstraße 1, zeigt Caprichos von Goya, Dalí und Hintz bis zum 17. Januar
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