Düsseldorf: Warum Schulen Rankings fürchten
VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 21.02.2011 - 02:30Düsseldorf (RP). In NRW sind viele Viertklässler gerade an den weiterführenden Schulen angemeldet worden. Wie gut eine Schule wirklich ist, können Eltern nirgendwo nachlesen. Leistungsvergleiche sind in Deutschland verpönt. Nicht einmal der Abiturnotenschnitt der einzelnen Schulen wird veröffentlicht.
Susanne Tekaat (41) aus Wesel hat eine aufgeweckte Tochter. Nele ist zehn Jahre alt und eine gute Schülerin. Nach den Sommerferien soll sie aufs Gymnasium. Davon gibt es in Wesel zwei. Die Wahl der Familie fiel aufs Andreas-Vesalius-Gymnasium. "Das ist von uns aus gut zu Fuß zu erreichen. Außerdem gehen auch Neles Brüder dort zur Schule", sagt die Mutter. In Großstädten dagegen haben Eltern von Viertklässlern die Qual der Wahl: Dutzende Gymnasien und Gesamtschulen werben um die kommenden Schülergenerationen. Computerausstattung, Sporthallen, Nachmittagsbetreuung: Jede Schule bemüht sich, ihre Vorzüge ins rechte Licht zu setzen. Nur eine Angabe ist, wenn überhaupt, nur mit einiger Hartnäckigkeit zu erfragen: der Abiturnotendurchschnitt.
Seit wesentliche Teile des Abiturs in zentralen Prüfungen abgelegt werden, sind die Zahlen zumindest ansatzweise vergleichbar. So bestätigen die jährlichen Auswertungen des Schulministeriums, dass Gymnasialabiturienten im Schnitt leistungsstärker sind als die von Gesamtschulen. Während die einen beim Abitur 2010 auf einen Schnitt von 2,51 kamen, schlossen die anderen mit 2,81 ab. Der Gesamtschnitt in NRW lag bei 2,56 und damit 0,11 Punkte besser als bei der ersten Erhebung im Jahr 2004. Was Eltern aber viel mehr interessiert, ist der Leistungsstand einer Schule im Vergleich zu einer Schule gleichen Typs am Ort. Das Schulministerium verweigert jedoch die Herausgabe dieser Daten und verweist auf die Zuständigkeit der einzelnen Schulen. Die Schulleiter seien gehalten, die Durchschnittsnoten auf Anfrage herauszugeben. Doch einen Überblick bekommen die Eltern so nicht.
"Das würde ja auf ein Ranking hinauslaufen", meint Nina Heil vom Schulministerium NRW. "Die Durchschnittsnote verrät ja nichts über die Qualität der Arbeit an einer Schule", sagt sie. Deshalb weigert sich das Ministerium, eine Liste mit den erzielten Abi-Durchschnitts-Noten der einzelnen Schulen zu veröffentlichen.
Rankings sind in der deutschen Schullandschaft des Teufels, was vor allem Lehrer gerne bestätigen. "Die Aussagekraft von Abiturnoten geht gegen Null", meint etwa Baldur Bertling, Schulleiter aus Dinslaken und Sprecher des Grundschulverbandes NRW. Ein Vergleich von Abiturnoten würde die Gymnasien besser aussehen lassen, die schon in der fünften oder sechsten Klasse eine rigide Auslese betrieben. "Am ehesten kann man am Abi-Schnitt erkennen, wie viele Eltern an einer Schule Nachhilfe bezahlen können" sagt Bertling. "Die beste Schule ist die, in der die Lehrer ein Herz für Kinder haben. Mit Noten hat das wenig zu tun."
Auch die Bildungsgewerkschaft GEW ist dagegen, die Abi-Notenschnitte zu veröffentlichen: "Die Noten sagen mehr über die sozialökonomische Zusammensetzung der Schülerschaft als über die Leistungsfähigkeit einer Schule aus", stellt Norbert Müller, stellvertretender NRW-Vorsitzender fest. Tatsächlich hat etwa das kirchliche Hildegardis-Gymnasium in Duisburg, in dem überproportional viele Mädchen mit eher bildungsbürgerlichem Hintergrund unterrichtet werden, einen Notenschnitt von 2,09, während etwa die Theodor-Körner-Gesamtschule im von vielen Zuwanderer bewohnten Stadtteil Beeck lediglich auf einen Schnitt von 2,95 kommt.
Auch der Philologenverband möchte einen Vergleich der Abitur-Notendurchschnitte verhindern. "Eine Veröffentlichung", meint der NRW-Vorsitzende Peter Silbernagel, "würde zu einer verzerrten Wahrnehmung führen." Eltern, so die Befürchtung des Philologenverbandes, könnten ihre Kinder verstärkt an Schulen mit guten Durchschnittsnoten anmelden. Schulen mit schlechten Durchschnittsnoten könnten ausbluten. "Als Bürger", sagt Silbernagel, "wäre ich ja vielleicht für eine Veröffentlichung, nicht aber als Verbandsvorsitzender."
Barbara Kols-Teichmann von der Landeselternschaft NRW würde sich mehr Transparenz wünschen. "Rankings sind in Deutschland nicht gewollt. In Australien dagegen gibt es sie schon lange." Als alleiniges Kriterium für eine Schulwahl tauge eine Durchschnittsnote zwar nichts: "Aber als eine Information unter vielen wäre es gar nicht so schlecht, wenn man die Zahlen kennen würde."
Doch bislang hält man Eltern offensichtlich für überfordert, mit dem Zahlenwerk umzugehen. Laut Auskunft eines Duisburger Schulleiters habe die Bezirksregierung sogar die Weitergabe der Daten unter Hinweis auf die Rechtslage untersagt. Die bestreitet das. Man habe lediglich, so eine Behördensprecherin, in einem Gespräch, auf die "möglichen Konsequenzen" einer Veröffentlichung hingewiesen.
(Morgen folgt eine Reportage aus einer Duisburger Gesamtschule.)
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